Heft 222 März 2009
Werbung




Titelstory

Konjunkturkrise?

(Noch?) nicht Wirklich


Sparstrumpf

Angesichts der täglichen Horrormeldungen zu allen Krisen, die ständig über uns hereinbrechen, machte sich DER MAINZER auf die Suche nach Anzeichen für die Krise in Mainz. Wir haben einige Geschäftsleute und Wirtschaftsvertreter gebeten auf die Fragen:

1. Ist, aus Ihrer Sicht die Konjunkturkrise in Mainz angekommen?

2. Woran stellen Sie das fest?


zu antworten.

Die Antworten fielen sehr differenziert aus: Nicht nur die jeweilige Branche spielt eine Rolle, auch die Jahreszeit.

Günther Tartter

Günther Tartter

Hauptgeschäftsführer der Hand­werkskammer Rheinhessen

»Zurzeit ist die Konjunk­turkrise noch nicht eindeutig absehbar, denn die Wintermonate sind für das Handwerk immer konjunkturschwache Zeiten, insofern sind wir an Kummer gewöhnt. Mit Blick auf das Konjunkturprogramm der Bundes- und der Landesregierung sind wir einigermaßen optimistisch – viele Gespräche deuten darauf hin, dass unten ankommen wird, was oben beschlossen wur­de. Die zu erwartenden zusätzlichen Aufträge lassen die Konjunkturdelle hoffentlich nicht ganz so groß werden: Wir hoffen, mit einem blauen Auge davon zu kommen – und selbst mit einem Auge kann man noch sehen. Die allseits geäußerten pessimistischen Prognosen sind durchaus realistisch, in der Automobilindustrie sieht es zappenduster aus, das bedeutet nichts Gutes für die Zulieferindustrie vor allem im Metall- und Elektrobereich. Wir gehen davon aus, der Konjunktureinbruch wird kommen.«

Gerhard Jung

Gerhard Jung

Metzgermeister,
Metzgerei Ebling GmbH


»Bei uns ist keine Konjunkturkrise angekommen, unser Geschäft läuft, Gott sei Dank, ganz normal und ich hoffe, das geht weiter so. Vielleicht ist dieses ganze Konjunkturgerede nur Psychologie? Man kann es sich auch einreden, dass es einem schlecht geht – bei uns gehört es wohl irgendwie dazu, zu jammern, und je länger man jammert, desto größer ist dann auch das Jammertal, in dem man sich befindet. Wie gesagt, bei uns läuft alles noch normal.«

Wolfgang Moritz

Wolfgang Moritz

Moritz KG, Klarastraße

»Wir können die Frage erst fundiert beantworten, wenn das Ostergeschäft vorbei ist, denn in den ersten beiden Monaten des Jahres und ganz besonders in der Fastnachtszeit herrscht bei uns immer eine gewisse Flaute. Es ist dieses Jahr ruhiger als in den beiden vorangegangenen Jahren, aber erfahrungsgemäß wird unser Angebot an mittlerem und gehobenerem Küchenzubehör in der Osterzeit wieder stärker nachgefragt – das müssen wir erst einmal abwarten. Außerdem haben wir eine große Baustelle vor unserem Geschäft in der Klarastraße, welche Auswirkungen das hat, können wir noch nicht einschätzen.«

Martin Lepold

Martin Lepold

Juwelier und Vorsitzender der Mainzer Werbegemeinschaft

»Bislang kam die Krise bei mir im Geschäft noch nicht an und auch aus dem Kreis der Mitglieder in der Werbegemeinschaft ist mir noch nicht von außergewöhnlichen Umsatz-Einbrüchen berichtet worden. Allerdings sind Januar und Februar traditionell umsatzschwächere Monate, erst nach Fastnacht werden wir genaueres sehen. Klar ist, dass wir kaum Reaktionsmöglichkeiten haben, wir können allenfalls vorsichtiger sein beim Wareneinkauf – und jammern hilft sowieso nicht. Wir haben in Mainz wahrscheinlich insofern Glück, als unsere Kundschaft, besonders im innerstädtischen Facheinzelhandel, über eine überdurchschnittliche Kaufkraft verfügt – viele Kunden kommen nur wegen der guten Fachgeschäfte, das Image als Einkaufsstadt ist gut und wir arbeiten bereits an den nächsten Aktionen, um das zu erhalten und auszubauen.«

Martin Schneider Reuter

Martin Schneider Reuter

Inhaber von Reuters (Altstadt) und Monsieur c.o. Reuter

»Wir sind zurzeit noch nicht betroffen – vielleicht wird in den Medien schwärzer gemalt, als es den Tatsachen entspricht? Die Meldungen sind alle ‚unglaublich’ – aber alle glauben sie, es ist schwie­rig einzuschätzen, wohin die Entwicklung geht. Wir sind im Einzelhandel auch an ein ständiges Auf und Ab gewöhnt und vor allem findet ein gewisser Ausleseprozess schon seit Jahren statt - schleichend, so dass es nicht richtig ins Auge fällt, haben immer mehr Facheinzelhandelsgeschäfte aufgegeben. Im Endeffekt sind nur noch die wirklich Guten übrig geblieben, die ihren Kunden Kompetenz und ein gutes Angebot präsentieren. Das geht sicher so weiter und wird wohl noch einige Arbeitsplätze kosten.«

Dieter W. Vogelsang

Dieter W. Vogelsang

Inhaber Autohaus Merkel GmbH

»Wir erleben einerseits, vor allem aufgrund der Abwrackprämie, eine stärkere Nachfrage – schließlich haben wir mit Fiat, Seat und Suzuki drei der preisgünstigsten Automarken im Angebot. Auf der anderen Seite verstärkt sich im Werkstattbereich das ‚preissensible’ Verhalten der Kunden: Es wird häufiger versucht, bei den Reparaturen Preisnachlässe auszuhandeln oder die Zahlung von Rechnungen über mehrere Monate zu strecken – obwohl unser Stundenberechnungssatz mit zu den preisgünstigsten zählt.«

Richard Patzke

Richard Patzke

Hauptgeschäftsführer der Industrie und Handelskammer für Rheinhessen

»Aus der im Januar vorgestellten Konjunkturumfrage der IHK für Rheinhessen und der am 16. Februar vorgestellten Umfrageauswertung aller IHKs in Rheinland-Pfalz geht eindeutig hervor, dass die Unternehmen in der Region ihre Geschäftserwartungen zurückschrauben – wobei immerhin 26 Prozent der rheinhessischen Firmen ihre aktuelle Lage als ‚gut’ einschätzen, in Rheinland-Pfalz insgesamt sind es nur 14 Prozent. Ihre Erwartungen zurück geschraubt haben Industrie und der Handel, während sich die Zahl der optimistischen Dienstleister in Rheinhessen von 25 Prozent (Herbst 2008) auf 39 Prozent erhöht. Grund zur Sorge gibt die Entwicklung des Außenhandels: Mit 51 Prozent (Herbst 2008: 12 Prozent) meldet über die Hälfte der Exportfirmen Auftragsrückgänge. Auch im Binnenmarkt ist die Zahl der Firmen gestiegen, die Rückgänge melden: Von 28 Prozent im Herbst auf jetzt 48 Prozent.

Entscheidend wird deshalb das Verbraucherverhalten sein und damit indirekt auch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt: 19 Prozent (Herbst: 6 Prozent) der Betriebe planen, ihre Belegschaft abzubauen, doch 75 Prozent (Herbst: 80 Prozent) wollen ihr Personal, notfalls mit Kurzarbeit, weiter beschäftigen.

Bemerkenswert halte ich die Tatsache, dass mit 73 Prozent der rheinhessischen Betriebe immer noch die große Mehrheit sagt, die Kreditkonditionen ihrer Hausbank hätten sich im Vergleich zum Vorjahr nicht verändert. Von einer allgemeinen »Kreditklemme« kann also nicht die Rede sein.

Klar ist, die Wirtschaft steht erst am Beginn einer Konjunkturkrise. Im Sommer wird sich das Ausmaß der Krise deutlicher abzeichnen und man muss warten, ob sich das Konjunkturpaket II der Bundesregierung ab der zweiten Jahreshälfte abfedernd auswirkt. Die IHKs glauben, dass dieses »Paket« – zumindest bei den öffentlichen Investitionen - an den richtigen Stellen ansetzt – bei Bildung und der Verbesserung der Infrastruktur.«

Franz Ringhoffer

Franz Ringhoffer

Wirtschaftsdezernent der Stadt Mainz

»Natürlich ist auch in Mainz die Konjunkturkrise angekommen, Exportabhängige Unternehmen und die Zuliefererindustrie sind besonders betroffen, Auftragsstreichungen führen zu Kurzarbeit. In der bisher stark prosperierenden Logistik ist die Krise bereits spürbar. So ging im Dezember 2008 der Güterumschlag im Mainzer Hafen um 15 Prozent gegenüber Dezember 2007 zurück. Auch jenseits der exportorientierten Wirtschaft wird die schwierige Situation nicht ohne Folgen bleiben. Deshalb werden wir die Chancen des Konjunkturpakets II voll ausnutzen, damit die heimische Wirtschaft partizipieren kann. Die Investitionen fließen vornehmlich in die Sanierungen von Schulen und Kitas. Als Wirtschafts- und Vergabedezernent will ich, dass die geänderten Vergaberichtlinien für diese Projekte für Mainz praktikabel umgesetzt werden. Damit können die Aufträge an die Wirtschaft schneller und unbürokratisch vergeben werden.

Noch bedeutend umfangreicher sind die Investitionen bei den stadtnahen Gesellschaften. Mit den Investitionen zum Kohleheizkraftwerk werden mehr als eine Milliarde Euro in die Wirtschaft gepumpt. Flott gemacht werden müssen nun die Projekte Güterverkehrszentrum, sowie Winterhafen und Zollhafen, um einen baldigen Baubeginn zu erreichen.

Und ich freue mich über die anhaltenden Investitionen von privaten Bauherren und Unternehmen in Mainz, so u.a. auf den Gonsbachterrassen, auf dem Großberg in Weisenau und z.B. mit fünf neuen Autohäusern an der Hechts­heimer Straße.

Mainz kann aus der Krise gestärkt herausgehen, wenn wir gemeinsam auf unsere Wirtschaftskraft und Standortgunst bauen.«

Aufgezeichnet: SoS