Heft 222 März 2009
Werbung




Straßen

Heringsbrunnengasse

Heringe als Ehrverletzung?


Heringsbrunnengasse

Wer will schon gern in einer Straße wohnen, die »Heringsbrunnengasse« heißt? Zumindest in Mainz vermutlich jede Menge Leu­te. Schließlich liegt die Gasse zentral mitten in der Mainzer Innenstadt. Die Verbindung zwischen Weißliliengasse und Rochusstraße ist relativ ruhig und trotzdem sind Domplatz, Höfchen oder Südbahnhof in Nullkommanichts erreicht. Die perfekte Straße zum Wohnen, sollte man glauben. Aber: das war nicht immer so. 1857 stank es vier Hausbesitzern nämlich ganz gewaltig, »Heringsbrunnengasse« als Adresse angeben zu müssen. Sie empfanden diesen Straßennamen als »verletzend«.

Stattdessen hätten sie viel lieber in einer »Bergstraße« gewohnt und verlangten vom damaligen Mainzer Stadtrat eine entsprechende Umbenennung ihrer Gasse. Wie es überhaupt zu dem Namen »Heringsbrunnengasse« kam? Das ist (aus Sicht der verletzten Hausbesitzer) wohl einer Verkettung unglückseliger Umstände zu verdanken. Die »Heringsbrunnengasse« hat ihren Namen vom »Heringsbrunnen«, einem öffentlichen Brunnen, der sich damals in der Weißliliengasse befand. Dieser Brunnen wiederum hatte seinen Namen von dem Haus, vor dem er stand, dem Haus »Zum Hering«.

(Auch heute gibt es dort die Gaststätte »Zum Heringsbrunnen«). Warum schließlich das Haus so hieß, kann im Nachhinein nicht mehr gänzlich geklärt werden. Denkbar ist, dass »Hering« der Familienname der Bewohner war. Möglicherweise wohnten dort aber auch zu früheren Zeiten Fischhändler, von deren Geschäft der Name dann an dem Haus haften blieb. Bewohnt ist die Gasse schon seit Mitte des 13. Jahrhunderts.

Und noch eine Information findet sich in alten Mainzer Dokumenten. Bevor sie »Heringsbrunnengasse« hieß, firmierte die Gasse eine Zeitlang als »Sackpfeifergasse«. Ob der Name damals besser angekommen wäre? Heute kann man getrost davon ausgehen, dass es sich in der Heringsbrunnengasse nicht schlechter leben lässt als in jeder beliebigen anderen Straße, trotz des irgendwie irreführenden Namens. So dachte damals übrigens auch der Mainzer Stadtrat und lehnte die erbetene Umbenennung ab.


Ilona Hartmann