Heft 221 Februar 2009
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Jubiläen

Ein Präfekt, der den Mainzer Dom abreißen wollte:

Vom Buhmann zum »Schinkenandres«


Gleich zwei Jubiläen stehen diesen Monat an, bzw. starten in ihre Feierlichkeiten. Doch während sich der erste Jubilar hoch in den Mainzer Himmel erhebt, scheint der zweite in Vergessenheit geraten zu sein. Lediglich eine Straße am Eingang des Hauptfriedhofs und ein Grabmal erinnern heute noch an seine Existenz und lassen vermuten, dass er eine wichtige Persönlichkeit der Mainzer Stadtgeschichte darstellte: Jeanbon Baron de St. André , geboren am 25. Februar 1749, würde dieser Tage seinen 260. Geburtstag feiern. Eng verbunden mit seiner Geschichte ist die des zweiten Geburtstagskindes: Der Dom wird 1000 Jahre alt; das Jubiläumsjahr wird am 1. Februar um 10 Uhr mit einem Gottesdienst im Dom eingeläutet. Fragt sich: Was hat das imposante Mainzer Wahrzeichen mit einem fast vergessenen Baron zu tun?

Jeanbon
Eigentlich wollte er den nach preußischem Artilleriebeschuss 1793 stark beschädigten Mainzer Dom abreißen lassen: Jeanbon Baron de St. André (Abfotografiert aus: Mathy, Helmut: Jean­bon St. André , 1969, S.11)


Nachdem Mainz bereits 1792/93 im Zuge der Französischen Revolution zum ersten Mal unter französische Herrschaft geraten war, teilte Napoleon 1801 die linksrheinischen Gebiete in Provinzen ein und setzte in den jeweiligen Hauptstädten Aachen, Koblenz, Trier und Mainz Präfekten als alleinige Autoritätspersonen ein. Für den Donnersbergkreis mit Mainz im Zentrum fiel am 20. Januar 1801 Napoleons Wahl auf Jeanbon de St. André .

Haudegen oder politisches Wunderkind?


Napoleon schien von Anfang an sehr zufrieden mit dieser Entscheidung; später verlieh er ihm den Titel »Baron« und ließ sich immerhin dazu verleiten, Jeanbon als »Musterbeispiel eines Präfekten« zu charakterisieren. Die Mainzer Bevölkerung teilte diese Begeisterung zunächst nicht. Zum einen mag das an der radikal empfundenen politischen Einstellung des Franzosen gelegen haben: Der studierte Theologe wurde 1789 Vorsitzender des Jakobinerclubs in seiner Heimatstadt Montauban.

Im Laufe der Revolution erregten die Jakobiner durch ihre radikale Ablehnung der Monarchie Aufsehen: In den 90er Jahren des achtzehnten Jahrhunderts läutete ihr wohl bekanntester Vertreter Maximilien de Robespierre die sogenannte Terrorherrschaft ein, im Zuge derer er seine gemäßigten politischen Gegner systematisch guillotinieren ließ. Obwohl auch Jeanbon die Meinung vertrat, man könne eine Revolution nicht mit Seidenhandschuhen anfassen, dürfte bezweifelt werden, dass er diese radikalen Auswüchse gut geheißen hat.

Doch auch vor seiner politischen Laufbahn führte er alles andere als ein bürgerliches Leben: Nachdem seine Ausbildung in einem Jesuitenkolleg beendet war, ließ er sich in Bordeaux zum Steuermann ausbilden: Als Leutnant und Kapitän auf Schiffen der Handelsmarine begann sein abenteuerliches Leben auf See, in denen er mehr als einmal Schiffbruch erlitt und sein gesamtes Vermögen den Bach runter ging.

Jeanbon
Auf dem von ihm 1803 eingeweihten »Aureus Friedhof« fand der Präfekt von Napoleons Gnaden 1813 seine letzte Ruhestätte

All das mag den Mainzern nicht ganz geheuer gewesen sein. Doch für einen regelrechten Aufruhr unter den Bürgern sorgte Jean­bons erster politischer Vorschlag. Im Zuge der französischen Revolution hatte der Mainzer Dom erhebliche Schäden davon getragen; Jeanbon de St. André sah daher keine Zukunft mehr für das historische Gebäude: Ein Abriss wäre seiner Meinung nach wesentlich ökonomischer als ein teurer Wiederaufbau. Erbitterten Widerstand leisteten ihm in dieser Sache nicht nur die Mainzer Bürger, auch Erzbischof Colmar stellte sich gegen den Präfekten und erreichte schließlich sein Ziel: Jeanbon ließ den Dom stehen und investierte in seinen Wiederaufbau.

Ein erstes Zeichen war also gesetzt; die Mainzer schienen zu einer Aussöhnung mit ihrem Präfekten bereit. Im Laufe der Zeit änderten die Mainzer ihre Einstellung gegenüber Jeanbon, gaben ihm sogar einen Spitznamen: »Schinkenandres« – in Anlehnung an das französische »jambon«, zu deutsch: Schinken. Bei dieser Entwicklung mag die Erhaltung des Domes eine wichtigen Rolle gespielt haben; doch auch Jeanbons Engagement für die Ärmeren der Bevölkerung und seine Bemühungen um die Verbesserungen des Schulwesens dürften wesentlich für die Anerkennung durch die Mainzer Bevölkerung gewesen sein. So setzte er beispielsweise die teuren Salzpreise herunter, reformierte die Verwaltung, brachte den Handel wieder in Schwung und legte den Grundstein für die öffentliche Stadtbibliothek.

Und noch eine wichtige Entwicklung hat Mainz diesem Präfekten zu verdanken: Im Zuge der französischen Friedhofsreform wurde Mainz zum Pilotprojekt. Aus hygienischen Gründen wurden 1813 jegliche Beerdigungen innerhalb der Ortschaften verboten – damit fiel der Startschuss für den Mainzer Hauptfriedhof. Auf eben jenem fand Jeanbon Baron de St. André seine letzte Ruhestätte, nachdem er am 10. Dezember 1813 einer Typhuserkrankung erlag.


Infos zum Domjubiläum:

www.bistummainz.de Stichwort: Domjubiläum 2009

Veranstaltungen im Februar:

Sonntag, 1.2., 10 Uhr
Eröffnungsgottesdienst des Domjubiläums im Dom

Di., 10.2.
»Da wackelt der Dom« Fastnachtssitzung vor dem Dom


Katrin Henrich