Heft 221 Februar 2009
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Fassenacht

In manchem Fastnachtsbrauch spiegelt sich das Schlaraffenland

Von Handkäs- und Bonbonschlachten


Fleischwurstweltrekord
Die Idee des Schlaraffenlandes festigten vor Jahren auch die Mainzer Metzger, die zu Fastnacht eine riesige Fleischwurst fertigten und sie an die Narren verteilten.

Von den Umzugswagen hageln Bonbons und andere Süßigkeiten. Zunehmend auch Popcorn, Gummibärchen, Plastikfigürchen und Bällchen. Dazu Salzstangen, Schoko-Riegel und anderes zum Kauen. Und den Damen ihres Herzens werfen die Gardisten bunte Sträußchen entgegen. Vor allem vor den Kameras des Fernsehen schütten die Mainzer Narren gern ihr Füllhorn aus.

Waren im Wert von bis zu 100.000 Euro schätzungsweise kommen so jährlich unter die Leute, die ihre Beute in mitgebrachten Tüten nach Hause schleppen. Fassenacht als Fest der Verschwendung dokumentiert sich hier, der Ausdruck einer Überflussgesellschaft, die einmal im Jahr ihr Volk beschert. Ganz kollektiv, nicht individuell wie zum Geburtstag oder Weihnachten.

Schon von Anfang war die Fastnacht mit großen Gelagen und Völlerei verbunden, war sie doch letzte Gelegenheit, vor der anschließenden Fastenzeit noch einmal richtig zu zulangen. Fressen und Saufen gehörten zum Karneval wie die Eier zu Ostern. Große Gelage gab es zum Fest vor allem bei den Zünften, die größten bei Metzgern und Bierbrauern, die an den tollen Tagen besonders gute Geschäfte machten. Mitte des 19. Jahrhunderts traten Karnevalsgesellschaften ihr närrisches Erbe an.

Und mit ihnen die Garden, die sich in der Tradition reichsstädtischer Bürgerwehren als Schutztruppe des neuen Prinzen Carneval verstanden. Prinz Carneval aber war niemand anderes als der gesittete Nachfolger des Herrn Fastnacht, der als Gegenspieler der Frau Fasten alles Fleischliche verkörperte und als Hans-Wurst schließlich auch den Weg ins Theater fand. Kein Wunder, dass sich die Garden ihm an den Tagen vor Aschermittwoch besonders verpflichtet fühlten und in ihren Lagern Fleisch und Würste gleich bergeweise aufhäuften. 1863 etwa berichtete ein Chronist aus Mainz von »dampfenden Kesseln, Thürmen von Brodringen, Schinken sowie ungeheuren Batterien von Zweipfünder-Flaschen.«

Fleischwurst Hinter dem öffentlichen Schlemmer-Paradies steckte die Vorstellung vom grenzenlosen Honigkuchenland, das als Schlaraffenland weltberühmt wurde. Sprichwörtlich bekannt für die gebratenen Tauben, die dort jedem in den Mund flogen. Einem Reich des Seins, der ewigen Gegenwart, in dem niemand nach dem Wie und Warum fragte. Im späten Mittelalter hatte es Gestalt gewonnen, als ein Land mit Zäunen aus Würs­ten, Fenstern und Türen aus Lachs oder Stör. Mit Brettern aus Pfefferkuchen, Bänken aus Ravioli, Latten aus Aal und Ziegeln aus Fladen.

1494 hatte sich eine Handvoll Narren in Sebastian Brants »Narrenschiff«, einem der frühneuzeitlichen Buch-Bestseller, dorthin auf den Weg gemacht. »Ein Bach führt Milch, ein anderer Wein. Von hohen Bäumen fallen da hinein Semmeln, Wecken und auch Brot, dazu was sonst noch nötig ist. Aus warmen Kuchen bestehen die Dächer, nicht hoch, das kommt uns gelegen«, beschrieb Brant sein Schlaraffenland.

Noch mehr aber prägte Hans Sachs, der Meistersinger, unser Bild vom Schlaraffenland. Bei ihm hatte jedes Haus seine eigene Weinquelle und Gärten, in denen Pfannkuchen und Speck wuchsen. Bei Hagel flogen Zuckererbsen vom Himmel, bei Regen süße Sahne. Jeder mit jedem, »ohne Hass oder Missgunst«, hieß das Motto für Männer und Frauen, Sex ohne Grenzen. Auch das gehörte zum Schlaraffenland, in dem Geld keinen Wert mehr hatte, in dem die größten Lügen- und Trunkenbolde am besten angesehen waren.

Schließlich aber war es der Karneval, in dem das Schlaraffenland reale Gestalt annehmen sollte. »Drei Meilen hinter Weihnachten« hatte es Sachs lokalisiert. »Das Schlaraffenland ist der Traum eines nie endenden Karnevals und der Karneval ist ein zeitlich begrenztes Schlaraffenland, mit der gleichen Betonung der Schlemmerei und der Umkehrung normaler Verhältnisse«, analysierten Wissenschaftler die Beziehung zwischen beiden.

In den närrischen Feldlagern, wie sie Mitte vorletzten Jahrhunderts die Helfer König Karnevals überall in Deutschland aufschlugen, hatte die Idee vom Schlaraffenland zunächst weitergelebt. Mit zunehmender Industrialisierung freilich, in deren Folge für Müßiggang kein Platz mehr war, verlor das Schlaraffenland an Ansehen, verkam zur romantischen Märchen-Kulisse.

Literarische Vordenker wie die Brüder Grimm oder Ludwig Bechstein interpretierten die närrische Gegenwelt schließlich neu, machten aus dem Reich der sorglosen Säufer und frechen Fresser moderne Freizeitparks, in denen die Fleißigen als neue Helden reüssierten. Ordnung und Sauberkeit wurden propagiert, für Sex war in den neuen Schlaraffenländern kein Platz mehr. Die Reiche der fressenden und furzenden Anarchisten verkamen zum Disneyland, zum klinisch sauberen Kindertraum.

Ähnlich erging es der Fastnacht. Ochsen am Spieß und Wein aus Brunnen, reale Bilder aus der närrischen Welt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind im Karneval rar geworden. Dafür fliegen Bonbons und Süßigkeiten gleich tonnenweise unters närrische Volk. Besonders schön inszenieren die alte Idee übrigens die Haubinger, eine Mainzer Traditionsgesellschaft. Seit 1956 werfen sie am Rosenmontag Handkäse aus acht- bis elftausend in Papier eingewickelte Bällchen.

Spectator

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Die »Music Hall« Anfang Dezember war ein voller Erfolg – alle Gäste vereint im schmetternden Chorge­sang. Das schreit nach Fortsetzung. Auf ein Neues heißt es deshalb beim Musikereignis am 7. Fe-bruar: jetzt sind die »Evergreens« dran. Gründeln im musikalischen Gedächtnis ist angesagt, allein das Durchforsten der ganz privaten Hit-Liste weckt Erinnerungen, die (nicht nur) in die Beine gehen. Mitmach-Voraussetzungen: Elf (was denn sonst?) Hits in der Liste ankreuzen (die gibt es an der Andau-Theke), in der Verkleidungs-Kiste nach dem passenden »musikalischen« Outfit stöbern (nein, das Ritzambo-Kostüm passt NICHT zu dieser Musik!), dolle Tollen und gelige Locken auf den Kopf pappen, und ab in die »Beste-Bitburger-in-Mainz-Kneipe« (die Schoppen sind auch nicht zu verachten). Außer ganz viel g…ler Musik gibt’s an dem Abend ganz viele Überraschungen – angefangen bei der Verkleidung vom »Schefe« …