Heft 220 Januar 2009
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Studieren

Psychotherapeutische Beratung:

Der letzte Rettungsanker

Claudia Huberti
Claudia Huberti, Leiterin der Psycho-therapeutischen Beratungsstelle an der Fachhochschule für Wirtschaft in Gonsenheim, mit einem Studenten während der Beratung.


Einige Menschen haben ein ganz bestimmtes Bild von Studierenden: Die seien faul, lebten in den Tag hinein und hätten jede Menge Freizeit. Eine Vorstellung, die jedoch nur auf wenige Studenten zutreffen dürfte. Für viele wird das Studium zu einer Herausforderung und für manche zur schier unlösbaren Aufgabe.

Um das zu verhindern, bieten die Hochschulen professionelle Hilfe in der Psychotherapeutischen Beratungsstelle an. Die Gründe, eine Bera­tung wahrzunehmen, sind vielfältig. Auslöser können Lernprobleme, Prüfungsangst, Redeangst, Antriebsprobleme, Interessenverlust, Überlastung, Schlafprobleme, Appetitlosigkeit, Leistungsdruck oder private Probleme sein.

Claudia Huberti ist Leiterin der Psychotherapeutischen Beratungsstelle an der Fachhochschule für Wirtschaft in Gonsenheim. Sie betreut die Studierenden seit 20 Jahren. In Gesprächen und Kursen erörtert sie deren Probleme und sucht gemeinsam mit ihnen nach Lösungsmöglichkeiten. »Ich vermittele Lerntechniken und mehr Freude am Lernen, biete aber auch eine Anlaufstelle und die Möglichkeit, sich Dinge von der Seele reden zu können«, erzählt Huberti.

Wer merkt, dass der Druck zu groß wird, sollte sich nicht scheuen die Beratungsstelle aufzusuchen. »Viele kommen schon mit Beginn des Studiums zur Beratung«, weiß Huberti. »Problematisch wird es dann, wenn die Studierenden sehr spät zu uns kommen, wenn der Problemdruck schon sehr groß ist.« Dieses Phänomen kennt auch Ursula Luka-Krausgrill, Leiterin der Psychotherapeutischen Beratungsstelle an der Mainzer Universität.

»Prüfungsängste sind häufig mit einem Vermeidungsverhalten verbunden. Natürlich ist ein wenig Anspannung vor Prüfungen ganz normal und in gewisser Weise sogar förderlich. Denn nur dann setzt man sich auch an den Schreibtisch und tut etwas. Viele lernen aber nicht frühzeitig oder schieben das Lernen immer wieder auf.« Die Auswirkungen sind in diesen Fällen häufig Schlafstörungen oder die Uni wird gar komplett gemieden.

Um dem entgegen zuwirken, vermittelt die Beratungsstelle Lernmethoden und Zeitplanung. In Kursen und Workshops können die Studierenden außerdem lernen, wie man Vorträge vor einer großen Gruppe hält, frei spricht oder selbstsicherer auftritt. Sollte sich in den Gesprächen herausstellen, dass die Probleme einzelner Studierenden tiefer liegen, so hilft die Beratungsstelle der Universität bei der Suche nach passenden Psychotherapeuten. »Die Wartezeiten für eine Therapie sind oft sehr lange und so können wir diese Zeit überbrücken«, erklärt Ursula Luka-Krausgrill.

Studenten oft überfordert


Viele Studierenden sind infolge der Umstellung auf Bachelor-/Master-Abschlüsse überfordert, da häufig der gesamte Stoff in weniger Semestern gelernt werden muss. Eine Erfahrung, die FH-Studierende schon länger machen, als die meisten Kommilitonen an der Uni. »Wir bekommen das umfangreiche Wissen in so kurzer Zeit vermittelt und müssen sehen, wie wir damit zurecht kommen.

Viele Professoren sehen das einfach nicht«, erzählt eine 24-jährige BWL-Studentin. Sie hat den Weg zur Beratungsstelle zusammen mit ihrer 22-jährigen Kommilitonin schon zu Beginn ihres Studiums gefunden. Mit Claudia Huberti können die beiden über Lernprobleme sprechen und erhalten Tipps, wie sie den Studienablauf besser bewältigen. Die 22-Jährige hält die Beratungsstelle für eine wichtige Institution: »Viele sind oft hilflos und denken sogar ans Aufhören. Wenn sie dann jemanden haben mit dem sie reden können, dann ist die Beratungsstelle so eine Art letzter Rettungsanker.«

Die Nachfrage ist groß


Die Anzahl der Studierenden, die sich an die Beratungsstelle wenden, ist an beiden Hochschulen enorm. So wurden beispielsweise im Jahr 2007 an der Universität über 2000 Einzelgespräche geführt. Die Wartezeit beträgt hier etwa vier Wochen. »Die Nachfrage ist in den letzten Jahren stetig angestiegen und somit die Wartezeit leider auch«, muss Luka-Krausgrill feststellen.

Dennoch sind die Studierenden an der Fachhochschule froh über das Angebot, so auch die 22-jährige Studentin: »Man gibt sich hier wirklich Mühe, ein möglichst gutes Gerüst an Hilfestellungen zu bieten, wer Hilfe braucht und sucht, der bekommt sie hier auch.«


Helena Winter

INFOS:
Die Beratung ist für Studierende der jeweiligen Hochschule kostenlos.
Kontakt FH:
www.fh-mainz.de/wirtschaft/serviceseinrichtungen/psychologische-studierendenberatung
Uni:
www.pbs.uni-mainz.de