Heft 219 dezember 2008
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Wintersport

Auch ohne Schnee vor der Haustür:

Wintersport Steht auf dem Programm


Aussicht

Weiße Idylle aus pulvrigem Schnee, lange Eiszapfen und glasklare Luft, davon träumen die meisten, wenn sie an den Winter denken. Dass diese Winterbilder nicht mit Mainz in Verbindung zu bringen sind, das weiß jeder. Die kalte Jahreszeit zeigt hier eher ein trübes und verregnetes Gesicht und auf weißen Winterzauber wagt man hier selbst in seinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen. Dennoch verfügt Mainz über zehn Sport- und Wandervereine, die den Wintersport fest in ihrem Programm haben. Einige hundert Menschen sind hier organisiert. Sind das alles etwa »Schneetänzer«? Wo können sie trainieren und für welchen Wintersport? Die meisten Ski-Vereine haben aufgrund des Klimawandels Probleme, das klassische Wintersportprogramm mit Skifahren, Snowboarden und Langlauf hier in der Region aufrecht zu erhalten. »Uns fehlt in den hiesigen Mittelgebirgen ganz einfach der Schnee«, hat Abteilungsleiter Gunther Stahl vom SC Lerchenberg festgestellt. Skisport sei mittlerweile zu einem teuren Hobby avanciert, das zeitlich und finanziell sehr aufwendig sei. »In meiner Kindheit und Jugend haben wir im Taunus oder auf dem Erbeskopf trainiert«, erinnert sich der ehemalige Skirennläufer und -lehrer. »Das ist heute kaum noch möglich.«

Training im Allgäu


Heute geht es zum Training meist in den Schwarzwald oder ins Allgäu. Vier Stunden Anreise sind nicht selten. Lange Wege für ein kurzes Vereins-Wochenende. Dazu ist wegen der Benzinpreise aber kaum noch jemand bereit. »Wir würden ja gerne an die Erfolge von früher anknüpfen, uns fehlt aber der Nachwuchs«, so Stahl weiter. Auch Michael Schollmayer vom DJK Bretzenheim kennt das Problem der Überalterung: »Früher fuhren die Schulklassen noch zu Skifreizeiten. Das hat bei so manchem die Lust auf diesen Sport geweckt. Heute dagegen fehlt vielen Kindern der Anreiz.«

USC-Kids
Breitensport Bei Ski und Snowboard


Weniger dramatisch sieht Peter Schmieg das Nachwuchsthema: »In Geiz-ist-Geil-Zeiten muss der Preis stimmen, gerade bei Skifreizeiten für Jugendliche oder bei Familienfahrten«, sagt der Leiter der Ski-Abteilung des USC Mainz. Der Eliteclub Mainzer Leichtathleten setzt bei Ski und Snowboard schon lange auf Breitensport: »Für Skirennen übers Wochenende sehe ich nur begrenztes Klientel. Unsere Talente fördern wir mit allen Mitteln lieber bis hin zum DSV-Skilehrer. Da haben auch unsere Fahrtenteilnehmer etwas davon.« Aktuell hat der USC sein Lehrteam um sechs jugendliche Betreuer und Übungsleiter aufgestockt, die kommende Saison, so Frau Holle mitspielt, ihren ersten Einsatz als USC-Skilehrer bei einem der über zwanzig Skikurse aller Könnensstufen jährlich fahren.

Wintersport nicht mehr Nischensport


Um schwindende Mitgliederzahlen zu stoppen, haben die meisten Vereine ihr Programm breiter gefächert und bieten ein großes Spektrum an sportlichen Aktivitäten an, die sich nicht nur aufs Skifahren beziehen. Die mehrtägigen Skiausfahrten in den Alpen stehen jedoch nach wie vor im Mittelpunkt. Für Pläne, eine Indoor-Ski-Halle in Saulheim zu bauen, wie SCL-Abteilungsleiter Stahl sie zur Jahrtausendwende geschmiedet hat, fanden sich keine Investoren.

eisklettern Durchaus innovativ hat sich die Sektion Mainz des Deutschen Alpenvereins (DAV) mit den veränderten Bedingungen des Wintersports befasst: Der Bau der Mombacher Kletterhalle ließ nicht nur die Mitgliederzahlen in die Höhe schnellen, sondern sensibilisierte die Leute auch für neue Herausforderungen wie Eisklettern, Skitouren und Skihochtouren. Für Extremsportarten, die nicht jedermanns Sache sind, aber auch nicht sein sollen. Für Menschen, die sich gern abseits des üblichen Ski-Zirkus bewegen wollen, die die einsame und unberührte Natur suchen und trotzdem mit Gleichgesinnten zusammen sein wollen. Die in der Regel auch sehr durchtrainiert sind – und als Ski-Bergwanderer sehr gut Skifahren können müssen, denn im Tiefschnee sind die Anforderungen um einiges höher als auf der präparierten Piste.

Der Altersdurchschnitt beträgt hier 35 Jahre. Das ist kein Sport für Familien. Die Zielgruppe richtet sich eher an den Typen »Abenteurer«, der Spaß hat an hohen körperlichen und geistigen Anforderungen, dem die Lawine im Rücken nicht schreckt und der sich gerne an zugefrorenen Wasserfällen hochzieht. »Wir wollen den Menschen etwas Anspruchsvolles und Interessantes bieten«, begründet Berthold Honka, DAV-Ausbildungsreferent das Konzept. »Unsere bisherige Erfahrung zeigt, dass wir Erfolg damit haben.« Und fügt schmunzelnd hinzu: »So haben wir es geschafft, aus einem ‚Altenverein’ wieder ein ‚Alpenverein’ zu werden.«


Garek