Heft 219 dezember 2008
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Weihnachten

Weihnachtstradition:

Kirchliche Krippenspiele

Hirten-Szene
Hirten-Szene aus dem Krippenspiel der evangelischen Kirchengemeinde Gonsenheim

Für die kleinen Akteure ist es immer wieder eine große Herausforderung, wenn zu Heiligabend im Rahmen des nachmittäglichen Familien-Gottesdienstes das Krippenspiel aufgeführt wird. Nach dem Vorlesen des Weihnachtsevangeliums geht es in der Regel los. Ein letzter Blick auf den Text, ein Zurechtzupfens des Kostüms und ein kritischer Blick auf die anderen Mitspieler und schon beginnt das Drama um Jesu Geburt.

Der Weihnachtsgottesdienst mit dem Krippenspiel zählt zu den großen jährlichen Highlights vieler Kirchengemeinden. »Unser Gemeindehaus ist beim Krippenspiel bei mehr als 300 Gottesdienstbesuchern immer aus allen Nähten geplatzt«, hat Pfarrer Andreas Nose von der Evangelischen Kirchengemeinde Mainz-Gonsenheim beobachtet und fährt fort: »Dieses Jahr zu Weihnachten sind wir zusammen mit der Heiligen Familie wirklich auf ‚Herbergssuche’, denn unser Gemeindehaus wird saniert.« Doch im Gegensatz zu Maria und Joseph haben die Gonsenheimer Gläubigen schon ein Domizil in petto, nämlich die Jahn-Turnhalle. Doppelsinnig fügt Pfarrer Nose hinzu: »Da in der Turnhalle zirka 400 Personen Platz finden, hoffen wir, dass in diesem Jahr niemand vor der Tür bleiben muss.«

Auch die Gemeindereferentin Anette Schaefer von der katholischen Kirche St. Georg aus Bretzenheim bestätigt: »Es gibt im Jahr kaum einen Gottesdienst, der so gut besucht ist, wie die Familien-Christmette mit dem Kinderkrippenspiel.« Schließlich gebe es danach traditionell die große Bescherung. So werde der Weihnachtsgottesdienst von zahlreichen Menschen als »Eröffnung für den Heiligen Abend« gesehen. Auch fühlten sich viele Erwachsene durch das Krippenspiel in ihre Kindheit zurück versetzt und möchten sowohl diese Erinnerung wieder auffrischen als auch an die ihre Kinder weitergeben, so Schaefer weiter.

Engel-Szene
In dieser Szene verkünden Engel die Geburt Jesu

Wie wichtig diese Tradition für Familien ist, zeigt, dass fast alle christlichen Gemeinden das Krippenspiel aufführen. Manche sogar zweimal hintereinander, wie etwa die evangelische Auferstehungsgemeinde. Die durchaus modernen Erzählvarianten mit erfundener Rahmenhandlung und überlieferter Originalgeschichte scheinen auf dem Hartenberg gut anzukommen, zumal das Stück an verschiedenen Stationen der Kirche gespielt wird. »Damit nicht nur die ersten Reihen etwas mitbekommen«, erklärt Pfarrer Stefan Claaß.

Nicht nur für die kleinen und großen Zuschauer, sondern auch für die teilnehmenden Kinder hat das Krippenspiel eine besondere Bedeutung. »Sie erleben die Weihnachtsgeschichte hautnah mit und so etwas prägt sich stark ein«, meint Pfarrer Claaß, der bei der Auswahl der Stücke den historischen Kontext der Entstehungsgeschichte gewahrt sehen will. »Die Stücke sind meist selbst geschrieben oder nach literarischen Vorlagen umgestaltet. Wir wählen dabei immer unterschiedliche Erzählperspektiven: mal stehen die Kinder von Bethlehem im Mittelpunkt, mal eine Hirtenfamilie«, so Pfarrer Claaß weiter. »Im letzten und diesen Jahr handelt das Stück von einem Engel, der im himmlischen Chor nicht mitsingen will.«

So viel Ungehorsam wird allerdings nicht von allen Kirchen in den Vordergrund gestellt. Die meisten bevorzugen die klassische Version, die zumeist von Grundschul- und Kindergartenkindern aufgeführt wird, und in der Hirten durch die Handlung führen. Mut und schauspielerische Leistung sind durchaus gefragt, z.B. wenn die Kinder ihre Rolle aus akustischen Gründen ins Mikrophon sprechen müssen und dabei auch die richtige Gestik und Mimik an den Tag legen sollen. »Am Heiligen Abend ist natürlich das Lampenfieber groß, aber nach den intensiven Proben fühlen sich die Kinder auch sicher und bisher hat immer alles gut geklappt«, beruhigt die Bretzenheimer Gemeindereferentin Schaefer. »Der Applaus der anderen ist dann der schönste Dank.«

Zu einem besonderen Krippenspiel im Gottesdienst lädt die Ev. Johanniskirchengemeinde am 24. Dezember, Heiligabend, um 15 Uhr ein. Die Choreographin und Regisseurin Helen De Lon lässt die Weihnachtsgeschichte von jungen Menschen ab 8 Jahren mit und ohne Handicap in ihrer eigenen Art erzählen. Die St. Johanniskirche ist handicap gerecht und für Rollstuhlbenutzer gut zugänglich.

Egal, ob klassisch oder modern, das Krippenspiel bietet den mitspielenden Kindern die Möglichkeit, in fremde Rollen zu schlüpfen und Theater vor einem großen Publikum zu spielen. Applaus ist zwar beim Gottdienst nicht üblich, beim Krippenspiel wird jedoch gerne eine Ausnahme gemacht. Lob und Anerkennung sind den jungen Mimen auf jeden Fall sicher. Niemand erwartet ein perfektes Spiel und unfreiwillige Einlagen werden humorvoll in Kauf genommen. »Ein Krippenspiel hat auch immer einen Schmunzelfaktor«, findet Gemeindereferentin Schaefer und Pfarrer Nose aus Gonsenheim ergänzt: »Wir halten immer die Luft an, ob alles klappt, aber am Ende wird alles gut!«


Garek