Heft 219 Dezember 2008
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Titelstory

Problem erkannt, Lösungen im Anmarsch?

Alle Mainzer Kinder wollen »teilnehmen«



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Zum Ausklang des Jahres haben sich diverse Ausschüsse mit den Armutsrisiken von Kindern und Familien beschäftigt, dabei die aktuelle Situation in Mainz und die Projekte, die sich der Unterstützung von sozial schwachen BürgerInnen widmen, erörtert. Auch eine Fachtagung des »Bündnisses für Familie« hatte die Armut von Kindern in Mainz zum Thema. Die Ergebnisses dieser Veranstaltungen werden zusammengefasst, den zuständigen Gremien zugeleitet und bis Mitte März 2009 sollen aus dem Bericht Maßnahmen entwickelt und die finanziellen Mittel in den städtischen Gremien diskutiert werden. Das ganze firmiert unter »Armutsmonitoring«, wurde vom Stadtrat im März 08 beschlossen und sollte ursprünglich im Herbst soweit sein, wie es im nächsten März hoffentlich ist.

Derweil gibt es, abgesehen von staatlichen Einrichtungen und Dienstleistungen, zahlreiche Initiativen, Vereine und Organisationen, die sich um Menschen kümmern, die finanziell nicht so gut gestellt sind – das schließt die Kinder mit ein. Dass Kindern in den Familien, in denen das Geld knapp ist, nicht all das zur Verfügung steht, was in finanziell besser ausgestatteten Familien möglich ist, versteht sich von selbst. Allerdings möchten Viele nicht zugeben, dass es in ihrem Alltag an etwas mangelt, möchten nicht mit dem Stempel »Arm« durchs Leben gehen. Wie kommen also die Angebote zu denjenigen, die sie einerseits brauchen, andererseits nicht von sich aus auf die Suche nach Unterstützung gehen? Welche Angebote gibt es, können sich »Menschen, wie Du und Ich« einklinken und mithelfen? Und zuallerst: Wie, woran lässt sich vor allem bei Kindern erkennen, dass sie Unterstützung gut gebrauchen könnten?

Zugänge schaffen: Teilnehmen ist angesagt!
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»Für uns ist das Alltag.« Uschi Kaiser, Leiterin der städtischen Kita Kreyßigstraße (in der alle Kinder-Fotos entstanden) meint damit den Umgang mit Kindern, die weniger haben als andere. Alltag für die Erzieherinnen bedeutet zum Beispiel, statt einen Ausflug in einen entfernten Freizeitpark zu organisieren, gibt es ein Eltern-Kind-Picknick im Lennebergwald, wo alle mit dem städtischen Bus hinfahren. Das kostet viel weniger, die Eltern können sich den Weg einprägen und so auf die Idee kommen, mit den Kindern auch alleine den Wald zu erkunden.

Fünf Vollzeit-, drei Teilzeiterzieherinnen und eine interkulturelle Fachkraft beschäftigen sich mit den 75 Kita-Kindern, ihr Motto lautet »Kindbezogene Armutsprävention«: Ein Konzept, das darauf abzielt, armen Kindern Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen, die ein Aufwachsen in Wohlergehen ermöglichen. Klingt abstrakt. Ist aber eindeutig. Arm sein, bedeutet weniger teilnehmen zu können: am Schulausflug, am Geburtstag der Freundin – alles kostet Geld.

Am Anfang stehen meist Erwerbsprobleme, kommen Faktoren wie Alleinerziehend, geringe Bildung, Migrationshintergrund, kinderreiche Familien und das Leben in einem bestimmten (stigmatisierten) Sozialraum hinzu, wird es schwierig – mit der Teilhabe.

Uschi Kaiser: »Wir sehen, wie sich das auswirkt und wir reagieren: Kleidung – wir organisieren den Osterbasar für gebrauchte Kleidung; Ernährung – wir müssen die Grundversorgung absichern; Gesundheit – das fängt bei unserem wöchentlichen Waldtag an, damit die Kinder sich bewegen und hört bei den Beratungssprechstunden von Kinder- und Zahnärztin, Dolmetscherin inklusive, noch lange nicht auf.«

Die Kita als Bildungsort – auch das gehört »zum Aufwachsen in Wohlergehen«. Sprachförderkurse in der Kita, die Vorbereitung von Kindern und Eltern auf die Einschulung: warum ist die Schuleingangsuntersuchung nötig, wo ist das Schulsekretariat und die Schultoilette, soll mein Kind am Türkischförderunterricht teilnehmen? Seit drei Jahren bereiten die Kita und die Goethe-Grundschule gemeinsam und erfolgreich auf diesen Lebensabschnitt vor.

»Soziale Integration in Gruppen Gleichaltriger« – auch ein sperriger Titel für etwas, was mit Uschi Kaisers Worten ganz einfach wird: »Ein Vater fährt seinen Sohn zweimal die Woche ins Fußballtraining und nimmt gerne noch zwei Kita-Freunde mit – jetzt ist sein Bub nicht mehr alleine und die Beiden, deren Eltern die Fahrtkosten nicht bezahlen können, spielen trotzdem Fußball.«

Bald ist Weihnachen, im Staatstheater lockt die »Kleine Hexe« – aber die 8,80 Euro können nicht alle bezahlen, weiß Uschi Kaiser: »3,80 Euro kann der Elternausschuss übernehmen und den Restbetrag können die Eltern auch in monatlichen Raten zu 0,50 Euro bezahlen.«

Dass die Kita-Mitarbeiterinnen außerdem sämtliche »Stellen« kennen, wo es Unterstützung gibt, damit Kinder am Leben umfassend teilnehmen können, versteht sich von selbst. Allerdings schimmert dabei auch durch, dass die Erzieherinnen ein Zeitproblem haben: »Es wäre schön, wenn wir mit den vorhandenen Initiativen noch mehr zusammenarbeiten könnten, aber wenn wir zu den Treffen gehen, können wir nicht gleichzeitig unsere Erziehungsarbeit leisten.« Diesen Satz gestattet sich die Reporterin zu »übersetzen«: Gäbe es eine Mitarbeiterin, die für diese Netzwerkarbeit freigestellt, den Kontakt nach außen und die Kommunikation nach innen sicher stellt, hätten die Kinder noch mehr Chancen »teilzunehmen«.

»Haste mal en Euro?«
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Die Frage bezieht sich hier auf das Mittagessen in Ganztagsschulen, wie der Goethe-Grundschule. An vier Schultagen in der Woche bekommen die Kinder jeweils ein Mittagessen – was die Eltern pro Mahlzeit 2,67 Euro kostet. Eltern die im so genannten Leistungsbezug sind, also Transferleistungen aus Hartz IV, Sozialgeld oder Asylbewerberleistungen beziehen, erhalten vom rheinland-pfälzischen Sozialfonds einen Zuschuss und Eltern, die keine Leistungsbezieher sind aber Geringverdiener, werden aus dem rheinland-pfälzischen Härtefonds unterstützt – sie müssen einen Euro pro Mahlzeit aus der Familienkasse beisteuern.

»Es gibt Eltern, die auch den einen Euro nicht zahlen können, dann sind wir als LehrerInnen gefragt«, berichtet Gabriele Erlenwein, Schulleiterin der Goethe-Grundschule. Die Schule akquiriert Spendengelder um den fehlenden Euro fürs Mittagessen zu bezahlen oder in Vorleistung zu treten, denn einige Eltern zahlen das Geld zurück, wenn sie (wieder) können. Diese Vorgehensweise setzt voraus, dass die Eltern sich rechtzeitig in der Schule melden und kundtun, sie seien nicht zahlungsfähig. Andernfalls stehen die betroffenen Kinder mit ihrer nicht aufgeladenen Chipkarte vor der Essensausgabe und schauen in die Röhre. »Der Caterer darf uns aus Datenschutzgründen nicht auf die säumigen Zahler hinweisen – deshalb fordern wir die Eltern auf, sich mit uns in Verbindung setzen, das klappt aber nicht reibungslos«, nennt Erlenwein ein Hindernis auf dem Weg zum schulischen Mittagessen für weniger betuchte Ganztagsschüler. Außerdem stellt sich die Frage, ob die zusätzliche Verwaltungsarbeit wirklich eine Aufgabe von Lehrkräften sein muss: »Vereinfachen ließe sich dieser Aufwand durch eine Koppelung mit den Lehrmittelgutscheinen, deren Beziehern müsste der Euro fürs Mittagessen erlassen werden«, deutet Erlenwein eine Entlastung für die Schulen an. Oder die Stadt würde wie bei den Kitas und Horten die gesamte Abwicklung der Ganztagsverpflegung übernehmen – was entsprechendes Personal voraussetzt. »Kinderarmut manifestiert sich aus unserer Sicht übrigens nicht nur an dem fehlenden Euro fürs Mittagessen«, stellt die Schulleiterin klar, »sondern auch daran, dass Kinder nicht an Ausflügen, am Besuch des Weihnachtsmärchens und an Klassenfahrten teilnehmen können und ohne Schulmaterialien, wie Papier und Stifte in die Schule kommen.«

Zum Wohl der Kinder – Familien stärken
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Im Gesprächskreis Deutsch werden die Kenntnisse der deutschen Sprache vertieft, Mütter mit Problemen beim Stillen treffen im Café einmal wöchentlich die Stillberaterin, beim gemeinsamen Mutter-Kind-Frühstück tauschen sich die Frauen nicht nur über ihre Kinder aus: Die Angebote von »Starke Mütter – starke Kinder« zielen auf die Kinder und haben deshalb auch die Mütter im Auge. »Wir wollen alle Kinder erreichen, allen Kindern sollen die gleichen Teilhabemöglichkeiten geboten werden«, sagt Marion Biesemann. Die Leiterin des Projektes unter dem Dach des Deutschen Kinderschutzbundes kennt die »komplexen Lebenslagen von Frauen mit Kindern in der Mainzer Neustadt«. »Wenn die Mütter an unseren Familienbildungs- oder Beratungsangeboten teilnehmen wollen, bieten wir eine Kinderbetreuung an und da viele der Mütter wenig Geld haben, sind unsere Angebote für diese kostenlos«, beschreibt Marion Biesemann Ansätze, auch diejenigen zu erreichen, die ohne dies nicht unbedingt in die Leibnizstraße 47 finden würden.

Das »niederschwellige Angebot mit gemischter Komm- und Gehstruktur« ist unter dem Motto: Fast jeder Tag ein Tag für Mütter und ihre Kinder« zusammengefasst. Mütter/Eltern mit Kindern ab der 7. Lebenswoche bis zum Kindergartenalter treffen beispielsweise auf Spiel- und Bewegungsanregungen, »Starke Eltern« ist das Ziel des Elternkurses (mit gleichzeitiger Kinderbetreuung) und es besteht das Angebot einer »Erziehungspartnerschaft«: Erfahrene und vom Kinderschutzbund zusätzlich geschulte Mütter begleiten andere Mütter, die sich Unterstützung für ihre neue Rolle wünschen. Hinzu kommen Veranstaltungen zu Erste Hilfe bei Unfällen mit Kindern oder gesunde Ernährung und die intensive Vernetzung mit allen anderen Einrichtungen, die irgendwie mit Kindern und ihren Familien arbeiten.

»Unser Publikum kommt aus allen sozialen Gruppen, mit und ohne Migrationshintergrund, Alleinerziehende und klassische Kleinfamilien, überwiegend aus der Neustadt, immer häufiger aber auch aus weiter entfernten Stadtteilen – unsere Kapazitäten stoßen an ihre Grenzen«, stellt die Diplompädagogin fest.

Als Projektleiterin wirkt sie in Schulung und Beratung mit, außerdem arbeiten in dem wissenschaftlich begleiteten Projekt eine pädagogische Mitarbeiterin, mehrere Honorarkräfte, studentische Praktikantinnen und einige Ehrenamtlerinnen – noch! Im September dieses Jahres lief die Projektförderung des Ministeriums für Bildung, Frauen und Jugend aus. Seither gewährleistet der Deutsche Kinderschutzbund durch eine Überbrückungsfinanzierung den Fortbestand, die Stadt trägt bis auf Weiteres die Kaltmiete. Parallel gibt es Verhandlungen über eine dauerhafte Bezuschussung durch die Stadt Mainz und das Bildungs-Ministerium sowie weitere Mittel vom Sozial-Ministerium. Marion Biesemann meint dazu: »Es wird viel über so genannte »Frühe Hilfen’ gesprochen und die Erfolge von präventiver, früh ansetzender Arbeit sind überall unstrittig. Wir haben hier in den letzten drei Jahren eine immense Arbeit geleistet, von allen anerkannt und hoch gelobt. Insofern denken wir, dass Land und Stadt – auch im Sinne einer nachhaltigen Finanzpolitik – die Gelder zur Verfügung stellen müssten, damit wir weiter arbeiten können.«


SoS