Heft 218 November 2008
Kommentar

KOMMENTAR
»Ja, was ist denn das?« Passanten stehen grübelnd vor der seitlichen Fassade der neuen Markthäuser am Rebstockplatz. Ungewohnt und neu, das hat man noch nicht gesehen! Und alles Neue wird skeptisch betrachtet und manchmal sogar abgelehnt (Neophobie). Nur wenige sind zunächst begeistert. Doch ganz sicher wird sich die Freude an dieser Architektur steigern. Erstens, wenn man den luftigen, befreienden und großzügigen Innenraum betritt und zweitens, wenn man sich mit jedem Tag mehr an das Neue gewöhnt hat. Man muss die Stadt Mainz und die Wohnbau in diesem Fall ausdrücklich loben, dass sie den Mut hatten, das übliche kleinkarierte Denken zu durchbrechen und neue Wege zu gehen, dass sie den Mut hatten, einen international renommierten Architekten, Massimiliano Fuksas, zum Wettbewerb aufzufordern. Man muss der Jury danken, diesen Entwurf ausgewählt zu haben. Die Kombination aus einerseits historisierender Fassade zum Markt und andererseits moderner Architektur dahinter ist einmalig und in einer Art und Weise gelungen, dass einem beim ersten Ansehen vor Freude der Atem stockt. Spätestens, wenn an Wochenenden busweise Besucher kommen werden, um das faszinierende Bauwerk zu beschnuppern und zu fotografieren, werden die letzten Skeptiker überzeugt sein. Die einzige Frage, die sich kritisch stellt, ist die: Warum werden nicht bei jedem Bauprojekt solch mutige Entwürfe angefragt und umgesetzt?

-WHO-
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Titelstory

Die »Neuen Markthäuser« des Stararchitekten Massimiliano Fuksas

Architektonische Höhenflüge

Rainer Laub vor den neuen Mainzer Markthäusern
Rainer Laub ist stolz auf das Werk von Massimiliano Fuksas und der Wohnbau Mainz

Am 6. November wird der zum Teil heftig diskutierte Baukomplex der Öffentlichkeit präsentiert. Auf einem Areal von rund 1.300 Quadratmeter sind 2.500 Quadratmeter Gewerbefläche und 17 Wohnungen der Spitzenklasse entstanden. In Mainz wurde damit ein kleines Stück Architekturgeschichte geschrieben.

Die Häuserfront an der Nordseite des Marktes ist in Mainz allgemein als »Markthäuser« bekannt, während die Gebäude, die ihnen gegenüber liegen und an den Dom angrenzen als »Domhäuser « bezeichnet werden. Letztere sind auch heute noch größtenteils im Besitz der Kirche und repräsentierten in den vergangenen Jahrhunderten Macht und Pracht der Kurfürst-Erzbischöfe. Ihnen standen die prachtvollen Wohnsitze selbstbewusster Mainzer Bürger gegenüber, in denen eine andere Sprache gesprochen und teilweise auch andere Ziele angestrebt wurden. Ein Spannungsfeld, das vom Mainzer Marktbrunnen, der zwischen 1890 und 1975 auch »vorübergehend « genau zwischen den Häuserzeilen stand, hervorragend widergespiegelt wird: Versteckt sich doch hinter seiner Renaissance- Pracht eine deutliche Drohung der Herrschenden gegen jede Form der Obrigkeits-Kritik.

Im Wandel der Zeit
Die neue Fassade der Mainzer Markthäuser vom Brandzentrum aus gesehen
Heiß diskutiert: die Fassade, Blick vom Brandzentrum

Ausgelöst durch die Ereignisse um die kurzlebige Mainzer Republik änderte sich das Bild: Der Markt wurde zu einer Einkaufszone in die Bürgerhäuser zogen große Geschäfte die Kurz- und Ellenwaren, Tuch und Spezereien, Betten und Werkzeug anboten; dazwischen auch die noch existierende Löwen-Apotheke. Im 20. Jahrhundert kamen eine Gaststätte und ein Kino hinzu. Bei den Luftangriffen am 27. Februar 1945 wurde die Häuserzeile völlig zerstört und in der Folgezeit, nicht schön aber zweckmäßig als Flachbauten wieder aufgebaut. Erst 1979 begann man mit einer historisierenden Umgestaltung: Vor die Zweckbauten wurde eine ebenso bunte wie diskussionswürdige Fassade gesetzt: Das Haus »Zum Salmen« (heute: Nr. 15) erhielt eine Nachbildung des Treppengiebels aufgesetzt, der ursprünglich das Haus »Zum ewigen Nest«, das sich in der heutigen Mailandsgasse befand, krönte. Und das Original der an seiner 1. Etage angebrachten Figurengruppe stammte von dem Gebäude »Zum krummen Ring«, das sich in der nahen Korbgasse befand. Diese Erneuerungsphase wurde 1991 mit der Umgestaltung des Hauses »Zum Fleming« (Markt 5) abgeschlossen. Obwohl die Häuserreihe zu den beliebtesten Fotomotiven der Mainz-Touristen zählt ist sie historisch völlig unbedeutend und wird daher in dem vom Kultusministerium in Auftrag gegebenen umfangreichen dreibändigen Werk über Kulturdenkmäler in Mainz nur mit wenigen Sätzen erwähnt. Es war der Stadt und der Wohnbau immer ein Anliegen, diesen Bereich städtebaulich aufzuwerten. Nachdem man die drei östlichen Häuser »Zum Kaiserberg« (Nr. 11), »Zum Boderam« (Nr. 13) und »Zum Salmen« (Nr. 15) erwerben konnte, wurde das Projekt angegangen. Wie nicht anders zu erwarten, begleitete die Öffentlichkeit jeden Schritt mit großem Interesse und teilweise heftigen Diskussionen.

Massimiliano Fuksas
Aussergewöhnliche Wohnungen
Außergewöhnliche Wohnungen

Es war sicherlich ein Geniestreich, dass es Wohnbau-Geschäftsführer Rainer Laub gelang, den italienischen Stararchitekten Massimiliano Fuksas für das Projekt zu interessieren und man darf allen Verantwortlichen dazu gratulieren, dass sie sich letztlich auf seinen Entwurf geeinigt haben. Dass die eine oder andere Idee dabei gestrichen werden musste ist bedauerlich. So wird fast jeder, der in diesen Tagen zum ersten Mal den grandiosen Innenhof betritt, zugeben müssen dass das ursprünglich geplante Schwimmbecken im oberen Bereich zusätzliche attraktive Aspekte gesetzt hätte. Der römische Stararchitekt Massimiliano Fuksas leistet mit seinen Entwürfen bereits seit den 80er Jahren einen wichtigen Beitrag zur zeitgenössischen Architekturgeschichte. Er hat sich mit seinem Büro über die Jahre einen exzellenten Ruf als bedeutender Architekt der Gegenwart erworben. Zahlreiche herausragende Projekte auf der ganzen Welt sind Beleg dafür. Die Mainzer Markthäuser können nun in Zukunft mit anderen international bedeutsamen Projekten von Fuksas in einem Atemzug genannt werden.

Die neue Piazetta
Die lichtdurchflutete
»Stadtpiazetta«
Die lichtdurchflutete »Stadtpiazetta«

Der neu gestaltete Gebäudekomplex »Markthäuser« gliedert sich nahtlos in die Stadtraumfolge Schillerplatz Ludwigsstrasse Höfchen Markt Rebstockplatz Brand Jockel-Fuchs-Platz (Rathausplatz) ein. Durch seine exponierte Ecklage bildet er zwei völlig unterschiedliche Hauptfassaden: Da ist auf der einen Seite die schon oben beschriebene »historische«, dem Markt zugewandte. An sie schließt sich eine völlig neue Konstruktion zum Rebstockplatz hin an. Obwohl noch in der Entstehungsphase hat letztere schon früh die Gemüter einiger Bürger erregt. Doch was auf manchen wie ein chaotisches System von Jalousien-Fragmenten wirken mag, ist in Wirklichkeit genau geplant: Der Standort jedes Elementes wurde von einem Computer errechnet um die besondere Ästhetik dieses Gebäudeteils zu erreichen. Beide Seiten dienen als Eingangsfassaden zum halbgeschlossenen Innenhof, einer witterungsgeschützten »Stadtpiazzetta«. Insbesondere der Rebstockplatz und die Korbgasse werden durch dieses Konzept enorm aufgewertet. Der Gebäudekomplex wird von drei Seiten erschlossen. Die jeweiligen Eingänge leiten den Besucher in den hallenartigen Innenhof, die Stadtpiazetta oder auch »Mall«. Alle Geschäfte und Räumlichkeiten im Erdgeschoss sind sowohl von der Mall als auch vom Straßenraum aus zugänglich. Eine Rolltreppe führt zu einem zweiten Mall-Bereich im Untergeschoss. Auf diesen beiden Ebenen befinden sich insgesamt 13 individuell zugeschnittene Räume für die Shops. Sie unterscheiden sich sowohl hinsichtlich ihrer Form als auch ihrer Größe. Deckenhohe Schaufenster im Erdgeschoss zu beiden Seiten versorgen die Läden mit Tageslicht und bieten eine größtmögliche Ausstellungsfläche. Die oberen Geschosse werden über die zwei Sicherheitstreppenhäuser im Norden und Süden des Gebäudekomplexes erschlossen. Wohnungen und Büros sind, wenn nicht direkt an die Treppenhäuser angeschlossen, über eingezogene Laubengänge bzw. mit Tageslicht versehenen Korridoren zugänglich. Unser erster Eindruck war überwältigend. Die Markthäuser sind architektonisch wie städtebaulich eine wesentliche Bereicherung für die Stadt und werden damit auch ihr Renommee steigern. In Zukunft wird man die Häuser nicht (nur) wegen ihrer Buntheit fotografieren, sondern auch wegen ihrer ebenso gewagten wie gelungenen Architektur Glücklich darf sich schätzen, wer eine der ebenso außergewöhnlichen Wohnungen in den oberen Etagen mieten kann. Auch hier ist die Wechselwirkung von Historie und Moderne erlebbar: Frühstück auf dem gestylten Balkon mit Aussicht über den Brand, abends schaut der Dom ins Wohnzimmer.

OB Beutel drückt den Roten Knopf

Für die Mainzerinnen und Mainzer ist die Zeit des Wartens nun vorbei. Bereits in den letzten Tagen waren immer wieder Neugierige zu sehen, die eine Öffnung im Bauzaun nutzen um einen ersten Blick auf den neuen Komplex zu werfen. Am 6. November werden endgültig die Hüllen fallen. Für Rainer Laub ein besonderer Tag. Er ist stolz, einmal mehr für ein Projekt verantwortlich zu sein, dass die Stadt prägt. Für die Mainzer hat er an diesem Abend noch eine besondere, einmalige Überraschung bereit. Was es ist hat er auch uns noch nicht verraten. Sicher ist, dass Oberbürgermeister Jens Beutel in Anwesenheit der Wohnbau-Geschäftsführung und von Baudezernent Norbert Schüler um Punkt 18 Uhr auf den berühmten »Roten Knopf« drücken wird. Bereits vorher werden sich auch die Skeptiker davon überzeugt haben, dass die »alte« Fassade komplett erhalten blieb und saniert wurde. Auch jene mysteriöse Figurengruppe vom Haus »Zum krummen Ring« ist an ihrem letzten Standort geblieben und wird weiterhin zum Rätseln einladen: Sind es zwei Kinder oder ein Liebespaar. Für Rainer Laub ganz klar, wie er uns schmunzelnd erklärt: In einer so lebensfrohen Stadt, wie Mainz es schon immer war, werden es mit Sicherheit zwei Liebende sein. Und auch auf noch einen Punkt macht er uns aufmerksam: Obwohl Jockel Fuchs in unmittelbarer Nachbarschaft ein anderes Gebäude ziert und auch schon andere Konterfeis am Markt zu sehen waren an und in den neuen Markthäusern ist keine bekannte Persönlichkeit ikonenhaft versteckt. Trotzdem haben diejenigen, die vor einigen Jahren die wegweisenden Beschlüsse gefasst haben, sich mit den Neuen Markthäusern indirekt doch ein Denkmal gesetzt.


-mdl-