Heft 218 November 2008
Werbung




Fassenacht

Mainzer Fassenacht im Umbruch

Das Fest sucht nach neuen Formen

Mainz 05er Fassenachter

»Helau! Helau! Helau! Der Määnzer Fassenacht ein dreifach donnerndes....«. Ja, was denn eigentlich? Das älteste Volksfest der Stadt ist längst im neuen Jahrtausend angekommen, hat damit fast zwei Jahrhunderte Mainzer Selbstbewusstsein für jeden sichtbar in der Republik demonstriert. Gezeigt, dass man sich in Sachen Lebensfreude am Zusammenfluss von Rhein und Main nicht verstecken braucht.

Mainz und Lebensfreude aber sind in der öffentlichen Wahrnehmung längst nicht mehr auf die Fassenacht allein konzentriert. Wer die Bundesligaspiele im Fernsehen oder besser noch live am Bruchweg verfolgt, spürt, dass der närrische Funke ganzjährig zündet. Dass Fastnachtsschlager und närrische Riten zu einem Lebensgefühl geworden sind, das Woche für Woche wie selbstverständlich abgerufen wird. »So ein Tag, so wunderschön wie heute«, heißt das Motto, das jeden Sieg Mainzer Kicker beflügelt.

Was aber ist mit der Fassenacht, den Tagen vor Aschermittwoch, in denen dieses Lebensgefühl einst wurzelte? Die Einschaltquoten der Fernsehfastnacht sind im freien Fall, der närrische Nachwuchs von der Fahne, der Sitzungsbesuch bei vielen Vereinen rückläufig, die Suche nach dem Supernarren nichts mehr als ein Talentwettbewerb, die Formen des Festes eine disponible Masse. Sang- und klanglos hat der MCV dieses Jahr seine traditionelle Generalversammlung aufgegeben, einen weiteren Pflock aus den Fundamenten des Festes geschlagen. Sind da Vandalen am Werk, närrische Brutalos? Nur in den Vororten und an den Stammtischen scheint die Fastnachtswelt noch heil. Vor allem in Mombach oder Gonsenheim, wo die Feiernden in Turnhallen zusammengepfercht sind. Menschen, die sich in den großen Hallen der Stadt nicht mehr wohlfühlen und sich nach mehr Nähe sehnen.

Die Fassenacht ist im Umbruch. Eine neue Generation närrischer Kräfte macht das Fest fit für die Zukunft, passt es gesellschaftlichen Realitäten an. Gerade dort, wo sich der Rosenmontagszug jährlich sammelt, in der Mainzer Neustadt, leben längst mehrheitlich Bürger, die kulturell betrachtet keine deutschen Wurzeln haben. Die nicht wissen, dass die Fastnacht in Mainz auch ein politisches Fest ist, in Gestalt der Sitzungen und des Zuges ein Ventil volkseigener Befindlichkeit. Außerdem stört vor allem Muslime der zum Teil hemmungslose Alkoholgenuss, dem immer mehr Menschen an den tollen Tagen frönen.

Fastnacht als Volksfest aber ist nur überlebensfähig, wenn sie möglichst viele Bürger integriert. Deshalb hat der MCV dieses Jahr erstmals alle ausländischen Mitbürger aufgefordert, am Rosenmontagszug teilzunehmen. Was beim Jugendmaskenzug mit Hilfe der Schulen und Kindergärten schon erfolgreich praktiziert, soll jetzt auch das Paradepferd im närrischen Mainz bereichern.

Die Garden, die zu den ältesten und damit naturgemäß zu den beharrendsten Kräften des Festes zählen, würden die neuen Fastnachter sicher am liebsten in bunte Uniformen stecken. Das aber setzt voraus, dass die Rolle der närrischen Soldateska als ein Stück verkehrter Welt begriffen wird, als ein zeitlich befristetes Aus-der-Rolle-Fallen. Wahrscheinlich aber werden unsere ausländischen Mitbürger und auch die mehr und mehr globalisierte Mainzer Jugend neue Formen des Festes finden. Besser und ausgelassener vielleicht als das, was bislang die närrischen Tage bestimmte. Mehr noch gilt das für die Sitzungsfastnacht mit Elferrat und Gardemarsch, die unter den meisten jungen Leuten wie Schlagerparaden oder politische Parteien als Auslaufmodelle gelten.

Der Erfolg eines bierseligen Oktoberfest in der neuen Welt-Wein-Kapitale Mainz zeigt, worauf es ankommt. Erfolg hat, wer eine Atmosphäre zur Zusammenkunft schafft, die nicht nur unterhält, sondern vor allem auch die gegenseitige Kommunikation fördert. Das war das Rezept, mit dem die Fastnacht 1837/8 in Mainz erfolgreich reformiert wurde und zur Gründung von Ranzengarde und MCV führte. Dass bei der einen oder anderen Sitzung die vorausgehenden Skat- oder Würfelrunden oder der anschließende Tanzabend mehr Nachhaltigkeit erzielen, sollte den Programmgestaltern zu denken geben. Vielleicht wollen die Narren von heute ja einfach nur ein wenig mehr Freiräume, um zu feiern, keine durchgestylten Programme von anno dunnemals. Erfolgsrezepte gibt es keine in diesen hektischen Tagen, dafür Zeit zum Experimentieren. Ein Weg, den der MCV eingeschlagen hat. Für närrische Puristen und Philister ist er eine Sackgasse, für den Rest vielleicht der Ausweg aus der fastnächtlichen Sinnkrise. Der Stimmungsrahmen übrigens lässt sich immer wieder organisieren, Lebensfreude und das typisch Mainzer Herz aber muss jeder zur Fassenacht selbst mitbringen.


Spectator