Heft 217 Oktober 2008
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Mainzer Leselust

Explosive Spannung garantieren:

Regional-Krimis, 68er Kommune und Sonne

Die Krimi-Autoren und Autorinnen bei der Ortsbesichtigung
Ein Teil der Krimi-Autoren und Autorinnen bei der Ortsbesichtigung für das rheinhessische Krimispektakel. Foto: Axel Schmitz

Der Oktober ist ein Büchermonat: wenn’s draußen herbstlich windet, lässt es sich drinnen gemütlich schmökern. Außerdem gibt es rund um die Frankfurter Buchmesse massig Informationen zu Neuerscheinungen und Autoren. Auch in Mainz findet alljährlich eine Büchermesse statt, allerdings im November, trotzdem gibt DER MAINZER schon mal einige Anregungen zur Befriedigung der Mainzer Leselust.

MÖRDERISCH…

… wird es in Rheinhessen mit dem gleichnamigen Krimispektakel, das vom 24.10.-26.Oktober in der Verbandsgemeinde Wöllstein stattfindet. Die Krimis aus Rheinhessen sind schon lange beliebt, die Zahl der Krimi-Schreibenden wächst und einen Krimi (oder auch andere geschriebene Werke) einfach nur so vorzulesen, scheint nicht mehr zu ziehen. Also werden Lesungen mit Dinner und Weinproben verbunden und schon ist der Kreis der Interessenten erweitert: Wer gerne isst, hört sich dazu auch einen Krimi an und wer gerne liest kann dabei auch etwas essen. So bringen die Autor/innen ihr Produkte unters Volk, die Gäste vergnügen sich und die Wirtsleute haben auch noch etwas davon. Gelungene Mischung. Das ist ernst gemeint! www.moerderisches-rheinhessen.de

PETER HACKS – SCHON MAL GEHÖRT?

Der Mainzer Verlag André Thiele hat sich vor allem auf das Werk von Peter Hacks spezialisiert, einem der bedeutendsten Dramatiker der DDR, der auch in der Bundesrepublik gespielt wird und der in den sechziger Jahren die »sozialistische Klassik« begründete. Mitte dieses Jahres brachte André Thiele den Roman »Am Rubikon« von André Müller sen. heraus: Eine zugleich amüsante und erschreckende Satire auf die 68er. Aus der zeitlichen Ferne betrachtet, erscheint vieles was André Müller sen. erzählt so irreal: eine Wohngemeinschaft voller junger Menschen, die die Welt verändern wollen, deshalb weder ihr Geschirr ab- noch sich selbst waschen. Es gab tatsächlich einmal eine Zeit, da wurde selbst etwas so banales wie Körperpflege als ein Kennzeichen von »Bürgerlichkeit« verachtet, nach dem Motto: wer sich wäscht ist ein Revisionist! Ideologische Auseinandersetzunge dieser Art gab (und gibt) es immer wieder, wenn zwei, die grundsätzlich der gleichen Meinung sind, den richten Weg zur Durchsetzung ihrer Meinung suchen. Rund um 68 traf das vor allem auf Sozialisten und Kommunisten zu, heute scheint sich manches in der Partei „Die Linken“ zu wiederholen. André Müller sen. beschreibt die Auseinandersetzungen in dieser WG-Kommune als eine Art Spiegel für viele, die in diesem Zeiten auf dem Wege gen eine irgendwie andere Politik waren. Das macht die Geschichte richtig spannend (vielleicht sogar zeitlos?). Zumal ein polizeilicher Karriererist und ein idealistischer Spitzel dem ganzen Geschehen ungeheure Sprengkraft verleihen. Es macht Laune, die verqueren Innenansichten der Protagonisten zu verfolgen: 68 ist lange her und die eigenen Verirrungen und Verwirrungen lange vergessen. Deshalb lässt sich auch ob solch an den Haaren herbeigezogner Begründungen für die Heimlichkeiten ums Sexualleben schon mal ausgiebig grinsen: Zwei Freundinnen, die sich von einem dahergelaufenen Hannebambel aufs Kreuz legen und auch noch gegeneinander ausspielen lassen! Ja wo sind wir denn? Zum Glück 40 Jahre über 1968 hinaus. Da passiert so was bestimmt nicht mehr! Wie gesagt: eine Satire. Und lesenswert.
Infos:
André Müller sen.
»Am Rubikon« Mainz Verlag André
Thiele 2008, 304 S., 14.90 Euro,
ISBN 978-3-940884-03-9

WAS WÄRE WENN ...

… Oder der Weltenlauf einmal ganz anders. Was wäre, wenn Lenin 1917 nicht den plombierten Zug von Zürich nach Petrograd bestiegen hätte? Was wäre, wenn die bolschewistische Revolution eben nicht in Russland statt gefunden hätte? Christian Kracht beantwortet diese Fragen mit einer irrwitzigen Option der Zeitgeschichte: Die Revolution bricht in der Schweiz aus, ein sozialistisches Imperium entsteht, das sich als Kolonialmacht in einem immerwährenden Krieg befindet. Christian Kracht vermischt in »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« die Genres des Polit-Thrillers und des Science Fiction zu einem Opus, in dem die Weltgeschichte durcheinander gewirbelt wird.
Lesung:
Christian Kracht »Ich werde hier sein
im Sonnenschein und im Schatten«,
Mo, 20.10., 20 Uhr, KUZ, Dagobertstr.
20b, Eintritt: 8,- €, 6,- € (erm.)