Heft 216 September 2008
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Theater

Theaterspaziergang rund um den Dom

»Fäustlinge« jetzt auch in Mainz

Straßentheater Fäustlinge

Was in der rheinlandpfälzischen Provinz schon äußerst erfolgreich anlief, erreicht nun die Landeshauptstadt: das Straßentheaterstück »Fäustlinge« vom Faust- Projekt07. Auf einem Theaterspaziergang durch die südliche Altstadt wird nicht nur Goethes »Faust« im unkonventionellen Ambiente einer teils mittelalterlichen Kulisse vorgestellt, sondern auch acht weitere Faust-Adaptionen anderer bekannter Autoren aus fünf Jahrhunderten. »Es geht hier nicht um den ganzen ‚Faust’, sondern eher um ‚Faust-Häppchen’ deswegen der Titel »Fäustlinge«, erläutert die Regisseurin Heike Mayer-Netscher das Theater-Projekt, das sie zusammen mit der Dramaturgin Inge Rossbach und 13 erfahrenen Laien-Schauspielern aus neun verschiedenen rheinlandpfälzischen Amateurtheatergruppen anlässlich des Faust-Jubiläums 2007 in Bad Kreuznach auf den Weg gebracht hat. »Die offene Struktur der Präsentation als Straßentheater soll ein Kommen und Gehen von Passanten und Theaterinteressierten ermöglichen «, erklärt sie weiter, gibt aber zu, dass es bei den letzten Aufführungen mehr ein Kommen als ein Gehen gab. »Sowohl in Bad Kreuznach als auch in Hachenburg wurden aus anfänglich zirka hundert Zuschauern im Laufe der zweistündigen Aufführung bald dreihundert.« Je nach Wetterlage rechnet Mayer-Netscher für Mainz mit rund 400 Zuschauern.

Literarische Amuse-Gueule

Los geht es bei den beiden Mainzer Aufführungen jeweils am Leichhof mit der Vorstellung eines Textes aus dem etwa 500 Jahre alten Spieß´schen Volksbuch, das von den Lebensumständen des jungen Faust erzählt und quasi als Prolog fungiert. Weiter geht es mit kecken Sprüngen durch die Jahrhunderte. Dadurch wird nicht nur ein abwechslungsreiches sprachliches Repertoire vorgestellt, sondern auch ein Stück Theatergeschichte. Recht anschaulich verfolgen kann man bei diesem Spaziergang durch die Altstadt den Kontrast vom Mittelalter zur Moderne; wenn etwa Faust in Paul Valérys Nachkriegsstück den Spieß umdreht und Mephisto in einem Pakt an sich bindet oder in der Version des avantgardistischen Dramatikers Wolfgang Bauer Roulette spielt und den Bezug zur Wirklichkeit endgültig verloren hat (Liebfrauenplatz/ Leichhof).

Abwechslungsreiche Schnittchen

Die unterschiedlichen literarischen Ausdrucksformen markieren nicht nur abwechslungsreiche Schnitte, sondern spannen auch einen großen Inszenierungsbogen von erhabener Rezitierkunst über babbelndem Maskenspiel und Performances bis zum dramatischen figürlichen Spiel. Zur Orientierung der vielen wechselnden Rollen sind die Hauptrollen, Faust, Mephisto und Luzifer, mit je einem festen Darsteller besetzt. Alle anderen Mimen übernehmen mehrere Rollen. »Organisatorisch ist diese Form der Inszenierung eine große Herausforderung «, gesteht Mayer- Netscher. »Wir müssen nicht nur auf die richtige Beleuchtung und Akustik achten, sondern brauchen auch Räumlichkeiten, in denen sich die Schauspieler umziehen können.« Da ist die Zusammenarbeit umliegender Geschäfte und Einrichtungen gefragt. Doch von all dem bekommen die Zuschauer in der Regel nichts mit. Nach Ende einer Szene leitet ein Teil der Schauspieler sie mit Witz und Charme zur nächsten Station weiter und ein Akkordeonspieler weist musikalisch auf den nächsten Akt hin, während die anderen Theaterleute sich um neue Kostüme und Kulissen kümmern.

Kostenloses Geschmackserlebnis

»Da wir finanziell von Sponsoren und vom Kultursommer Rheinland Pfalz unterstützt werden«, so Mayer-Netscher weiter, »sind die Aufführungen für den Zuschauer kostenlos, wenngleich wir damit nur die groben Unkosten decken können.« Gagen oder Zuschüsse für die selbst angefertigten Kostüme erhalten die Amateur-Schauspieler und die Organisatoren keine. Die Preisklasse für dieses Stück ist eine andere, nämlich viel Enthusiasmus und Leidenschaft fürs Theater. So eine Einstellung passt bei diesem Stück natürlich wie die Faust aufs Auge.


Garek

Info: Los geht’s am 13.09. um 20 Uhr und am 14.09. um 15 Uhr jeweils auf dem Leichhof. Bei Regen finden die Aufführungen in der ev. Johanniskirche statt. Kulinarischer Abschluss bei »Binding am Dom« www.faust-projekt07.de