Heft 216 September 2008
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Elternzeit

Ausgleichende Gerechtigkeit

Hurra: Papa bleibt zuhause!


Papa und Sohn

Die Tür geht auf. »Hallo«, begrüßt mich Björn Gerth, sein einjähriges Söhnchen Tilman auf dem Arm. Der gibt ein freudiges Glucksen von sich. »Kommen Sie rein«, sagt er, »aber bevor ich Ihre Fragen beantworte, muss ich Tilman eine neue Windel verpassen.« Wir gehen ins Kinderzimmer, rauf mit dem Kleinen auf den Wickeltisch, »ritschratsch« – mit erfahrenen Händen legt er ihm eine frische Windel an. Kein Wunder, er hatte ein halbes Jahr lang genug Übung. Von Januar bis Ende Juni war er Papa in Elternzeit. Damit ist er nicht alleine. Immer mehr junge Väter in Rheinland-Pfalz entscheiden sich für Windeln wechseln statt Geschäftsmeetings. Landesweit waren es im vergangenen Jahr 2400. Zwölf Monate lang gibt es Elterngeld im Regelfall. Wenn der andere arbeitende Elternteil sich daran beteiligt, packt der Staat noch mal zwei Monate drauf. Bei den Gerths war zuerst Mama Annika dran. Acht Monate kümmerte sie sich um Tilman. Dann pausierte Papa Björn für ein halbes Jahr in seinem Job als Softwareentwickler bei einer Frankfurter Firma und Mama Annika brachte als Lebensmittelchemikerin die Kohle nach Hause. Ausgleichende Gerechtigkeit, nennen beide das.

Unter Papas Regiment


Wir machen es uns auf dem Wohnzimmerboden zwischen Fläschchen und Spielzeugrassel bequem. Tilman, auf dem Arm seines Papas, beäugt mich neugierig. Von morgens bis fünf Uhr nachmittags herrschte bis vor kurzem Papas Regiment im Hause Gerth. Zwischen sieben und acht ging es los, erklärt der 30-Jährige den gemeinsamen Tagesablauf mit seinem Sohn: »Dann wachte Tilman auf und bekam sein Frühstück. Anschließend spielten wir zusammen. Gegen zehn Uhr stand ein Spaziergang an, der häufig auch zum Supermarkt führte. Wieder zu Hause gab es um halb zwölf das Mittagessen«. Die Nachmittage gestalteten sich unterschiedlich: Sie gingen zu Krabbel- und Spielgruppen, mittwochs war Babyschwimmen angesagt. Als Hausmann sah sich Gerth allerdings nie. »Putzen, Waschen, Spülen – das machen ich und meine Frau gemeinsam«, sagt er. Mit entsprechenden Vorurteilen von anderen habe er persönlich auch nie zu kämpfen gehabt. Söhnchen Tilman zeigt mittlerweile fröhlich quiekend, wie gut er auf den bunten Tasten seines Spielzeugkeyboards rumdrücken kann, die daraufhin lustige Melodien von sich geben. Um ein halbes Jahr in Elternzeit zu gehen, brauche man einen verständnisvollen Chef, so Gerth. Bei ihm sei das kein Problem gewesen: »Meine Kollegen waren schon ein bisschen überrascht, weil’s eben nicht so gängig ist. Aber mein Abteilungsleiter und mein Chef haben auch kleine Kinder. Sie haben mir keine Steine in den Weg gelegt. Dafür bin ich sehr dankbar.« Statt Arbeitsgehalt bekam Gerth Elterngeld, zwar weniger als er vorher als Softwareentwickler verdiente, aber es rechnet sich trotzdem, sagt er: »Zwar nicht finanziell, darum geht es ja auch nicht. Sondern darum, dass man Zeit für das Kind hat, und das wird durch das Elterngeld leichter gemacht.« Vor dessen Einführung hätte er sich die Auszeit für Söhnchen Tilman finanziell wahrscheinlich nicht leisten können, sagt Gerth. Einen Karriereknick befürchtet er nicht. Er kann jetzt wieder in die gleiche Position zurück, die er vorher hatte, erklärt er.

»Schön zu sehen, wie der Kleine sich entwickelt«


Seine Frau Annika ist froh, dass sie durch die Elternzeit ihres Mannes den Anschluss in ihrem Job als Lebensmittelchemikerin nicht verlor: »Hin und wieder war ich allerdings schon ein bisschen wehmütig, weil ich Tilman nur abends und am Wochenende sah.« Das ändert sich mit dem Ende der Elternzeit. Die 30-Jährige reduziert ihren Job bei einem Mainzer Unternehmen auf Teilzeit und hat wieder mehr von ihrem Sohn. Dafür muss Papa Björn wieder Vollzeit als Softwareentwickler ran. Der Abnabelungsprozess von seinem Sohn begann schon Mitte Mai. Seitdem gewöhnte sich Tilman mit Papas Unterstützung an eine Tagesmutter, die ihn jetzt regelmäßig betreut. Eine Auszeit für den Nachwuchs – das kann Björn Gerth anderen Vätern nur weiter empfehlen: »Natürlich muss das jeder Mann für sich selbst entscheiden. Ich empfand es sehr schön, zu sehen wie der Kleine sich entwickelt. Ich habe einen viel intensiveren Bezug zu Tilman bekommen.« Und umgekehrt scheint das auch so zu sein. Der Kleine krabbelt munter auf Papa rum, verabschiedet die neugierige Tante vom MAINZER mit fröhlichem »Winkewinke«.

Infos zur Elternzeit gibt es unter www.bmfsfj.de


ucg