Heft 215 August 2008
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Interview Heidel

Christian Heidel:

»Wir wollen Unabhängiger werden«


Heidel

Sankt Pauli anstelle des Hamburger SV, aus München die Löwen, statt der Bayern und in Frankfurt der FSV und nicht die Eintracht – der Blick auf die aktuellen Teilnehmerlisten der beiden Fußballbundesligen dürfte Machern und Anhängern des FSV Mainz 05 auch gut drei Monate nach dem so knapp verpassten Wiederaufstieg noch die Tränen in den Augen treiben. Doch die sportlichen Wunden sind nur die eine Seite. Mindestens genauso weh tun dürften die finanziellen Blessuren. Aber wie groß ist der Schaden im Vereinssäckel wirklich? Welche Folgen hat er für die Zukunft? Und was bedeutet er für den Stadionneubau? DER MAINZER hat nachgefragt und 05-Manager Christian Heidel geantwortet.

Herr Heidel, ein weiteres Jahr Zweite Liga. Was heißt das in Zahlen, wenn man sich einmal allein den Etat anschaut?


Heidel: Der Etatansatz des Gesamtvereines hätte in der Bundesliga rund 32 Millionen Euro betragen. In Liga Zwei haben wir 19 Millionen veranschlagt – allerdings vor dem Subotic-Transfer.

Der größte Posten dürften die Fernsehgelder sein. Wie groß ist da der Unterschied zwischen Liga Eins und Zwei wirklich? Und welcher Verteilungsschlüssel wird dabei eigentlich angewandt?


Heidel: Unterm Strich fehlen uns in dem Bereich rund neun Millionen Euro. Was die Verteilung angeht, da werden die Platzierungen der vergangenen vier Jahre zugrunde gelegt, wobei der Tabellenplatz der abgelaufenen Saison am Höchsten bewertet wird. Damit haben wir nach Nürnberg das höchste TV-Geld der zweiten Liga. Heidel

Auch die sonstigen Einnahmeposten werden wohl geringer ausfallen. Sprich: Sponsorengelder, Ticketeinnahmen etc. In wieweit kann man da eine Faustformel anwenden, was das Minus betrifft?


Heidel: Die Ticketeinnahmen haben sich durch die niedrigeren Preise um rund 20 Prozent reduziert. Bei den Sponsorengeldern fehlen uns sogar gut 30 Prozent. Weil die Einschaltquoten im Free- und Pay-TV viel höher sind, ist die Bundesliga ganz einfach besser zu vermarkten.

Manch einer wird jetzt vielleicht sagen: »Jetzt soll der Heidel bloß aufhören zu jammern. Dafür sinken ja auch die Kosten wie Spielergehälter oder Sicherheitsdienste.« Was entgegnen Sie so jemandem?


Heidel: Unser Stadion ist in der zweiten Liga zum Glück genauso voll wie in der Bundesliga. Das heißt umgekehrt aber auch, dass wir beim Sicherheitsdienst schon mal nix sparen. Was stimmt, ist, dass die Gehälter mit dem Abstieg vor einem Jahr gesunken sind. Allerdings wollen wir ja eine Mannschaft präsentieren, die in der zweiten Liga vorne mitspielt. Und das wiederum geht nur mit Erstligaspielern, die natürlich entsprechend bezahlt werden wollen und müssen.

Tatsache aber ist, dass Mainz 05 in den beiden vergangenen Jahren einen ordentlichen Transferüberschuss erwirtschaften konnte. Wie lange kann der Verein von solchen Einnahmen zehren, wenn überhaupt?


Heidel: Mainz 05 erwirtschaftet seit vielen Jahren schon Transferüberschüsse, sonst gäbe es uns längst nicht mehr. Dieses Geld wurde u.a. in die Infrastruktur und den Stadionneubau investiert. Der Rest fließt in die Haushalte der kommenden Jahre ein und gibt uns dort mehr Spielraum. Ziel aber ist, dass irgendwann einmal ohne Spielerverkäufe einen Etat auf Bundesliganiveau darstellen kann, auch in der zweiten Liga.

Wenn es ums Thema Geld geht, darf der geplante Stadionneubau natürlich nicht fehlen. Der aber bekommt noch immer ordentlich Gegenwind. Erklären Sie vielleicht noch einmal kurz, warum die neue Arena für Mainz 05 lebensnotwendig ist?


Heidel: Dass wir aktuell noch so gut mitspielen können, hängt natürlich damit zusammen, dass wir immer wieder viel Geld durch günstige Ein- und teure Verkäufe eingenommen haben. Davon wollen und müssen wir aber unabhängig werden. Und das gelingt nur durch höhere Einnahmen aus einem Stadion. Ansonsten würden Klubs wie Augsburg, Düsseldorf, Leipzig und noch einige andere irgendwann an uns vorbeiziehen. Und es gibt nur 36 Profiplätze, das darf man nie vergessen.

Kaiserslautern, Essen, Leipzig – es gibt genügend Beispiele, dass ein großes Stadion auch Probleme machen kann, wenn es sportlich nicht läuft. Und dann – so sagen Kritiker – geht´s dem Steuerzahler ans Portemonnaie. Was antworten Sie darauf?


Heidel: Bei Essen und Leipzig wussten die Städte vorher schon um die sportliche Situation Bescheid. Von daher gibt es nur ein einziges Stadionproblem, das ist Kaiserslautern. Und das hat allein sportliche und vor allem hausgemachte Gründe. Nach der deutschen Meisterschaft 1998 wollten die FCK-Verantwortlichen am ganz großen Rad drehen und haben den Verein mit Vollgas gegen die Wand gefahren. Das müssen Stefan Kuntz und seine Kollegen jetzt ausbaden. Kurios aktuell ist allerdings, dass die Stadt dem FCK einen großen Teil der Miete erlässt, damit der in der zweiten Liga wieder Erstligaspieler verpflichten kann. Was Mainz 05 angeht, da sichert uns allein die Vermarktung des Stadionnamens über 50 Prozent der Pachteinnahmen. Auch hier vielleicht noch einmal ein Blick zum FCK. Dort hat man damals auf Tradition gesetzt und den Betzenberg zum Fritz-Walter-Stadion gemacht, d. h., bewusst auf diese Einnahmen verzichtet. Jetzt zahlen es andere.

Um noch einmal auf die generellen, finanziellen Unterschiede zwischen den beiden Profiligen zurückzukommen – da kann einen das ungute Gefühl beschleichen, dass die Kluft immer größer und ein Modell Hopp-Hoffenheim immer öfter zu sehen sein wird. Stehen wir vor amerikanischen Verhältnissen?


Heidel: Das glaube ich nicht. Dietmar Hopp ist kein Investor sondern ein Mäzen. Er wird das Geld, das er in den Verein steckt, niemals wieder sehen. Auch wenn das so dargestellt wird. Auch mit dem neuen Stadion kann Hoffenheim einen solchen Etat nicht darstellen. Man wird auf die Hilfe von Dietmar Hopp angewiesen bleiben, wenn man das Tempo beibehalten will. Und das glaube ich. Ich hoffe aber weiterhin sehr, dass dies ein Einzelfall bleibt. Ich bin auch weiterhin für die 50+1 Regel, d.h. der Verein muss Mehrheitsgesellschafter bleiben.

Eins aber ist wohl unbestreitbar: Ein Aufstieg in dieser Saison dürfte auch Ihrem Finanzchef die Arbeit erleichtern. Ihr Tipp: Was ist mit dieser Mannschaft, dem neuen Trainer und bei der Konkurrenz für den FSV drin?


Heidel: Wir haben alle Stammspieler mit Ausnahme von Subotic gehalten und mit einer guten Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern mit viel Potenzial ergänzt. Mit Jörn Andersen haben wir einen jungen, ehrgeizigen, akribischen Trainer gefunden, der sehr viel Wert auf Taktik und Disziplin legt. Er wird jetzt beweisen, dass er mit anderen Möglichkeiten eine gute Mannschaft formen kann. Da bin ich sicher. Für mich spielen die drei Bundesligaabsteiger, Freiburg und Augsburg und hoffentlich auch wir oben mit. Wenn der FCK weiterhin shoppen geht, muss man natürlich auch die Pfälzer wieder dazu zählen.

MAINZER: Na dann: toi, toi, toi für die kommende Saison und vielen Dank für das Gespräch.



Mario Bast