Heft 215 August 2008
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Medinetz Mainz im Einsatz

Gesundheit ist ein Menschenrecht

Mitglieder des Medinetz-Teams (in der Mitte Vorstandsmitglied
Jakov Gather). Ihr Ziel: Die medizinische Versorgung von illegal in
Mainz lebenden Einwanderern zu gewährleisten.
Mitglieder des Medinetz-Teams (in der Mitte Vorstandsmitglied Jakov Gather). Ihr Ziel: Die medizinische Versorgung von illegal in Mainz lebenden Einwanderern zu gewährleisten.

Wer krank ist, geht zum Arzt, lässt sich behandeln und gegebenenfalls zu einem Spezialisten überweisen. Wer jedoch illegal im Land und krank ist, hat schon mit einer Grippe ein großes Problem. »Theoretisch ist die medizinische Versorgung derjenigen, die ohne Papiere hier in Deutschland leben gewährleistet. Praktisch kann davon aber keine Rede sein, da eine medizinische Behandlung momentan immer mit einer Meldung und damit mit einer Abschiebung verbunden ist«, erklärt Jakov Gather, Vorstandsmitglied von Medinetz Mainz. Dieser Meldung könnten Menschen ohne Papiere nur entgehen, indem sie direkt einen Arzt aufsuchen und die Kosten für ihre Behandlung selbst übernehmen würden. Diese Möglichkeit scheidet aber in den meisten Fällen aus finanziellen Gründen aus. Um dieser Misere entgegen zu wirken, haben sich 2006 zwanzig Mainzer Medizinstudenten zu dem Verein Medinetz Mainz zusammen gefunden und ein Kooperationsnetz mit circa 30 Mainzer Ärzten aufgebaut. Erklärtes Ziel des Vereins: Die medizinische Versorgung von illegal in Mainz lebenden Einwanderern zu gewährleisten, denn, so Gather: »Für uns ist die medizinische Versorgung ein Menschenrecht, das jedem zusteht. Deshalb finden wir es nicht in Ordnung, dass Menschen, die nicht kriminell sind, sondern lediglich ohne Papiere hier leben, dieses Menschenrecht faktisch verwehrt wird.« Seit Mai 2006 existiert einmal pro Woche eine Sprechstunde für Illegale mit medizinischen Problemen, die von den Medinetzlern und einer Allgemeinmedizinerin geleitet wird. Außerhalb der Sprechstunden können die Patienten die Studenten auch jederzeit telefonisch erreichen. Im letzten Jahr hatte Medinetz 40 Patientenkontakte, davon kamen die meisten aus Afrika oder Osteuropa. Sofort behandelt werden die Patienten in der Sprechstunde jedoch nicht, sondern zu dem für die jeweilige Krankheit richtigen Arzt überwiesen. Die Vermittler-Rolle von Medinetz sollte aber nicht unterschätzt werden, erklärt Gather: »Die meisten unserer Patienten werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda von anderen Illegalen auf uns aufmerksam. Sie wissen also, dass ein Besuch bei uns für sie ungefährlich ist und nicht zur Abschiebung führt. Wir nehmen ihnen also auch ein bisschen die Schwellenangst zum Arzt zu gehen. « Eine weitere wichtige Aufgabe des Vereins ist neben der richtigen Vermittlung auch die Finanzierung der medizinischen Behandlung. Viele der kooperierenden Ärzte stellen zwar die kleineren Behandlungen nicht in Rechnung, dennoch fallen immer wieder Kosten an, die von den Patienten nicht gedeckt werden können. Finanziert werden diese durch Spenden oder besondere Benefizveranstaltungen des Vereins.

LANGFRISTIGES ZIEL: ÜBERFLÜSSIG WERDEN
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Doch gerade in der Finanzierung kostenintensiver Behandlungen sieht Gather eine Schwachstelle: »Bei richtig schweren Erkrankungen, wie etwa einem Krebsleiden, muss die Finanzierung einer Chemotherapie gewährleistet werden. Schon ein solcher Fall im Jahr führt uns an die Grenzen unserer finanziellen Belastbarkeit. Zwei oder drei solcher Fälle im Jahr würden hingegen unser Budget sprengen.« Ein langfristiges Ziel des Vereins ist es daher, die Problematik der medizinischen Versorgung Illegaler auf die Agenda der Politik zu bringen und damit als Verein auf lange Sicht überflüssig zu werden. Dazu Gather: »Eigentlich sollte die medizinische Versorgung Illegaler eine Aufgabe des Staates sein, und zwar der Art, dass auf eine medizinische Behandlung nicht gleich eine Abschiebung folgt.« Konkret könnte dies beispielsweise mit Hilfe anonymer Sprechstunden bewerkstelligt werden. Relativierend fügt Gather jedoch hinzu: »Diese Forderung sollte jetzt nicht falsch verstanden werden: Uns ist schon klar, dass die Einwanderungsgesetze ihre Berechtigung haben. Dennoch sollte das Menschenrecht auf medizinische Versorgung auf jeden Fall über dem Ordnungsrecht stehen.«


Katrin Henrich

Infos:
Sprechstunde: Montags von 18-20 Uhr
im Caritas-Zentrum DebrÍl, Aspeltstraße 10,
www.medinetzmainz.de