Heft 215 August 2008
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Erlebnis

Die »Mainzer Hütte« ruft:

Elf Freunde im Höhenrausch

11 Freunde in den Bergen
Alles Meenzer auf der »Mainzer-Hütte« im Pitztal: Markus, Christoph, Tanja, Gabi, Burkhard, Birgit, Andreas, Marianne, Klaus,Werner, Marion

Plangeroß, Pitztal, Österreich, Anfang Juli: Elf MainzerInnen haben ein klares Ziel vor Augen: Die Kaunergrathütte, 2.817 Meter hoch, im Besitz der Sektion Mainz des Deutschen Alpenvereins, deshalb auch als »Mainzer Hütte« bezeichnet.

DIE IDEE

Was schenkt man einem Paar, das gemeinsam 90 Jahre alt wird, sich gerne und häufig bewegt und das am liebsten mit Anderen zusammen? So schwer war die Antwort nicht, denn die Sektion Mainz des Deutschen Alpenvereins ist (nicht nur im Jubiläumsjahr) rührig und an die Geschichten um die aufwendige Renovierung der höchsten Hütte im Pitztal konnten wir uns gut erinnern. Also hieß die Schenk-Devise: Aufi geht’s! Vier Tage, inklusive An- und Abfahrt waren eingeplant und zwölf Monate später ging’s mit Wanderschuhen, Rucksäcken, warmen und regensicheren Klamotten sowie dem obligatorischen Hüttenschlafsack los.

DIE HÜTTE

Seit 2003 gehört sie der Sektion Mainz des DAV, zählt 65 Schlafplätze (wer Schnarchgeräusche der Matratzennachbarn nicht mag, vergesse die Ohrstöpsel nicht), eine gemütliche Gaststube und der Blick von der »Sonnenterrasse« gen (auch im Juli) schneebedeckte Alpengipfel ist grandios. In Sachen Umweltschutz ist die Hütte ganz weit vorn: die Energieversorgung basiert auf hundert Prozent erneuerbaren Energieträgern, die Abwässer werden in einer Kleinkläranlage behandelt (für Geruchsempfindliche empfiehlt sich beim Plumpsklo-Gang eine Nasenklammer). Nur die Versorgung mit dem Hubschrauber passt nicht ins ökologische Konzept, lässt sich aber nicht vermeiden: Es gibt keine Materiallifte um alles Ess- und Trinkbare, Klopapier und Waschpulver nach oben und sämtliche Abfälle wieder nach unten zu bewegen. 16.000 Kilogramm Lebensmittel, Getränke, Brennholz, Gasflaschen und 2000 Liter Rapsöl werden jeden Sommer hoch geflogen, vier bis fünftausend Euro kostet der fliegende Materialtransport. Die Aufforderung, Wanderer sollen ihren eigenen Müll selbst wieder runter tragen, erscheint daher nur natürlich. Die Hüttenwirte Andreas und Carmen Jeitner halten die »Schutzhütte« (Kategorie 1) in der Regel von Juli bis September offen. Wer die Nacht 200 Meter unterhalb des Mandatschjochs verbringen will, sollte sich anmelden, denn in dem Ausbildungsstützpunkt für Bergsteiger und Kletterer kann das Matratzenangebot knapp werden – was beim festen und flüssigen Nahrungsangebot, auch Dank der Tiefkühltruhe, eher unwahrscheinlich ist. Selbst wenn die Hütte voll ist, kommen alle in den Genuss des schmackhaften Bergsteigermenüs: Suppe, Hauptgericht (auch fleischlos!) und Nachtisch.

DIE GRUPPE

Elf – es war wirklich Zufall, dass die typische Mainzer Zahl zusammen kam. Alpinisten sind keine darunter, aber auch keine notorischen Couchpotatoes. Getragen von meenzerischem Humor und kabarettreifem Witz wurden schmerzende Waden und knarzende Kniegelenke so lange gepusht, bis sie ihre Besitzer erst hinauf und am nächsten Tag wieder runter geschafft hatten. Merke: es gibt an den Gehwerkzeugen Muskeln, die selbst Marathonläufer nur dann spüren, wenn sie stundenlang bergan oder bergab stiefeln müssen.

DER WEG
Die Kaunergrathütte

»Unschwierig« lautet die Bezeichnung für den Zustieg von Plangeroß. Stetig geht es bergan über die Plangeroß-Alm, durch saftig grüne Wiesen mit Enzian und Alpenrosen, um wiederkäuende Kühe rum; nach der Baumgrenze wird’s felsig, und bis zum Karlesegg legt die Steigung noch ein paar Grad zu. Die Sonne sticht und die Wasservorräte schwinden. Die eigentliche Herausforderung steht bevor: ganz weit oben sind mit bloßem Auge ein paar Wimpel zu sehen. Der Weg vor uns: eine Steinund Felswüste. Mittendrin: Zwei Lamas. Nein, keine Anden-Halluzination. Die gehören den Jeitners und bekommen jeden Morgen ihre Karotten-Gutsier auf der Hütte. In dreieinhalb Stunden – so heißt es allüberall – ist der Weg geschafft. Wir brauchen fünf Stunden. Und finden das vollkommen in Ordnung. Des Abends versuchen wir den Sinn von »unschwierig« zu erkunden und einigen uns darauf, dass die 1.200 Höhenmeter für geübte Wanderer eher »leicht« zu bewältigen sind (zumal weder Klettersteig noch Drahtseil für Höhenangst oder Schwindel sorgen könnten); für uns Flachland-Läufer liegt bei dieser Tour ob der ungewohnten Anstrengungen die Betonung auf »schwierig«. Aber wir haben es geschafft, das gemeinsame Höhenerlebnis wird in bester Erinnerung bleiben und harrt der Fortsetzung.


SoS