Heft 214 Juli 2008
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Zur Sache: Energieversorgung

Ausreichende Energieversorgung:

Eine Herausforderungen unserer Zeit


Prof. Dr. Heinz Decker

In der Diskussion um den Bau des Kohleheizkraftwerks auf der Ingelheimer Aue spielt das Argument, das KHKW sei für die Sicherstellung der Energieversorgung in der Region unabdingbar, eine große Rolle. Professor Dr. Heinz Decker, Leiter des Instituts für Molekulare Biophysik an der Johannes-Gutenberg-Universität, beleuchtet im Gespräch mit dem MAINZER einige Aspekte rund um das Thema Energieversorgung.

fragezeichen Brauchen wir überhaupt Energie?

Decker: »Ja natürlich! Ohne Energie gibt es kein Leben. Wobei die Versorgung mit Energie auch die Frage nach unserer zukünftigen Lebensweise impliziert: Wie viel Wohlstand wollen wir erhalten oder worauf sind wir bereit zu verzichten?«



fragezeichen Wieviel Energie brauchen wir?

Decker: »Prinzipiell muss man unterscheiden, ob man hohe oder niedrige Temperaturen erreichen will. Zur Befriedigung der täglichen Bedürfnisse (Duschen, Kochen, usw.) braucht man keine allzu hohen Temperaturen. Dagegen benötigt man sehr hohe Temperaturen und damit sehr viel mehr Energie pro Zeit, um Metalle wie Eisen und Aluminium zu schmelzen, was erforderlich ist, um weiter als Industrienation bestehen zu können. Dafür brauchen wir Kraftwerke, die diese hohe Energiedichte liefern können.«



fragezeichen Bezüglich der Nebenwirkungen eines Kohleheizkraftwerkes wie CO2-Ausstoß, Klimaerwärmung und Feinstaub: Was ist daran gefährlich?

Decker: »Es ist grotesk, dass man trotz der vielen Diskussionen eine hohe Produktionsrate des bekannten Treibhausgases CO2 immer noch in Kauf nimmt; wobei ich mir nicht so sicher bin, ob die Ausstoßmengen eines Kraftwerkes signifikant zur Klimaveränderung beitragen. Die gesundheitlichen Auswirkungen des Feinstaubs halte ich für gefährlich, zumal wir uns öfters mit dem privat produzierten Feinstaub lokal freiwillig belasten (Kerze, Teelicht, Rauchen, etc.).«



fragezeichen Ist alles nur falsch verstanden?

Decker: »Ja und Nein. Bedrohungen wird es immer geben, aber manche werden dramatisiert, andere werden verharmlost oder man hört nichts mehr davon, weil das ‘Thema’ schon zu oft diskutiert wurde z.B. das Waldsterben. Wir müssen wachsam sein, um die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, z.B. privat produzierten Feinstaub zu reduzieren oder auch um über neue Zielsetzungen bei der Energiegewinnung nachzudenken.

So war die Kernkraft lange Zeit politisch und gesellschaftlich insbesondere in Mitteleuropa absolut tabu. Die Gefahren sind allerdings nach Meinung mancher Fachleute überschätzt worden. Jedenfalls beziehen wir Strom aus dem Ausland, der über Kernkraft gewonnen wird und fühlen uns dabei wohl. In Deutschland haben wir das Wissen um diese Technik fast verloren, obwohl Deutschland weltweit führend war. Hier wurden vor etwa dreißig Jahren Hochtemperaturreaktoren entwickelt, die prinzipiell keine gefürchtete Kernschmelze erreichen können und einen sehr hohen Sicherheitsstandard haben. Dieser Typ wurde im Ausland weiterentwickelt und 2003 kündigte China an, 30 Reaktoren eines ähnlichen Typs bis etwa 2020 zu bauen. Seit etwa 2000 wird an der Entwicklung von Reaktoren der »vierten Generation« gearbeitet, wobei eine Variante die Weiterentwicklung des Hochtemperaturreaktors sein könnte. In dem Forschungsverbund GIF »Generation IV International Forum for Advanced Nuclear Technology« http://gif.inel.gov arbeiten meiner Kenntnis nach keine Wissenschaftler aus Deutschland mit.«



fragezeichen Sie scheinen richtig engagiert?

Decker: »Ich rege mich über den vielen Blödsinn auf, der zu diesem Themenkomplex verbreitet wird. Viele Vorschläge sind nicht zu Ende gedacht, andere werden tabuisiert oder wurden nicht wissenschaftlich fundiert untersucht.«



fragezeichen Wundert Sie das? Es hat den Anschein, dass jede Meinung ihre eigenen Wissenschaftler aus dem Hut zaubert.

Decker (lachend): »Das erlebe ich auch immer wieder, besonders in der Politik. Dort bekommt man oft zu hören: Lassen Sie mal, wir haben unsere eigenen, kompetenten Wissenschaftler.«



fragezeichen Sollte man auf Gas setzen?

Decker: »Gas und öl müssen wir importieren. Daraus resultiert immer eine gewisse Abhängigkeit. Aus politischen Gründen und weil ihre Mengen begrenzt sind, werden beide Energiequellen bald noch sehr viel teurer werden. Ich halte es nicht für sinnvoll, öl und Gas zur Energiegewinnung zu verbrennen. Viele Dinge des täglichen Lebens werden aus diesen beiden energiereichen Rohstoffen hergestellt bspw. Computer, Zahnbürsten oder verschiedene Dinge in der medizinischen Versorgung. Die weltweiten Reserven für öl und Gas gehen zu Ende und stehen möglicherweise ab 2050 kaum noch zur Verfügung. Dann können wir Kunststoff nur noch unter Einsatz von viel Energie aus CO2 wiedergewinnen.«



fragezeichen Was bedeutet das?
energie

Decker: »Die Energieversorgung muss auf verschiedenen Säulen stehen, wie es jetzt schon verwirklicht ist. Wir werden aber noch neue Energiequellen finden und entwickeln müssen. Am erfolgversprechendsten erscheint mir die Solarenergie zu sein. Prinzipiell soll hier die Sonnenenergie in andere Energieformen umgewandelt werden, so wie es die Pflanzen durchführen. Solarenergie kann auf zweierlei Weise gewonnen werden: Die Erzeugung von Solarstrom durch Photovoltaik oder durch Erwärmung von Wasser, bekannt auch als Solarthermie. Allerdings ist die Technik noch nicht sehr ausgereift und muss z.B. in Bezug auf Wirkungsgrad und Entsorgung noch verbessert werden.

Frei von jeder Energiesorge wäre die Menschheit, wenn sie die Erzeugung von Fusionsenergie beherrschte, d.h. dass man die Energie beim Verschmelzen von Atomkernen gewinnt, ähnlich wie es auch in der Sonne seit Milliarden von Jahren passiert. Wir werden sicher noch 50 Jahre brauchen, um die hohen Temperaturen von über 100 Millionen Grad Celcius für den Start der Fusionsreaktion zu erzeugen. Das Verhalten des bei der Fusionsreaktion erzeugten Plasmas bei diesen hohen Temperaturen beherrscht man jedoch nicht. Ein weiteres Problem ist die Speicherung der immensen freiwerdenden Energie.

Ich könnte mir vorstellen, dass wir bis dahin über den Bau von Kernkraftwerken nachdenken werden, gerade wenn Gas und öl nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen und man die zusätzliche Produktion von CO2 durch Verbrennen der Kohle nicht will. Es hat sich gezeigt, dass trotz vieler Störfälle in den über 400 weltweit arbeitenden Kernkraftwerken, diese beherrscht worden sind und die heutigen Kernkraftwerke einen hohen Grad an Sicherheit besitzen. Auch die Belastung der Umgebung durch Radioaktivität ist im Normalbetrieb vernachlässigbar und liegt in der Größenordnung der natürlichen Strahlung. Eine Röntgenaufnahme der Brust ist weitaus belastender.

Unabhängig davon gilt es mit der Energie sparsamer umzugehen, und das fängt zu Hause an, z.B. bei der Wärmedämmung der Häuser.«


WHO