Heft 213 Juni 2008
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Theater

Rechts und links des Rheins:

»Neue Stücke aus Europa«


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Zum dritten Mal richtet das Wiesbadener Staatstheater die internationale Theater-Biennale »Neue Stücke aus Europa« aus, erstmals sind auch die Mainzer dabei. Mit dem bedeutendsten Festival für Gegenwartsdramatik sind die Bühnen links und rechts des Rheins vom 12. bis 22. Juni Treff- und Mittelpunkt für Theaterleute aus aller Welt.

Der Initiator der Biennale, der Wiesbadener Staatstheater-Intendant, Manfred Beilharz, hebt hervor, dass das Festival nicht nur ein kultureller Brückenschlag für die sprachliche und kulturelle Vielfalt in Europa sei, sondern auch für die beiden Landeshauptstädte. Und sein Mainzer Kollege Matthias Fontheim ergänzt: »Wir freuen uns sehr, dass die Welt zu uns kommt und dass auch wir die Tür aufmachen können.«

Auf dem Festival werden 29 Inszenierungen aus 24 Ländern präsentiert. Größtenteils sind es Neuentdeckungen, aber auch Theaterpromis wie die Autoren Falk Richter, Roberto Saviano, Tim Crouch, Dea Loher und die Spektakel-Truppe La Fura dels Baus zeigen hier ihre neusten Werke. Alle Stücke werden in Originalsprache aufgeführt und simultan ins Deutsche übersetzt. Dazu gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Workshops, Lesungen und Symposien.

Ein europaweites Netzwerk unterstützt die Veranstalter, neben Beilharz, der Dramatiker Tankred Dorst, dessen Co-Autorin Ursula Ehler und der Regisseur Markus Bothe, auf der Suche nach geeigneten Produktionen. Es umschließt namhafte Dramatiker unterschiedlicher Nationalitäten, die als Paten für ihr Land stehen und konkret über die Situation von Theaterschaffenden informieren können.

euridikes schrei

Gesellschaft im wandel


Die Themen-Palette der Stücke reicht von subtiler Polit-Parabel, wie das weißrussische Widerstandsdrama »Hauptstadt ringsherum«, bis zur offensiven Gesellschaftssatire, wie die »Heißen estnischen Jungs«, die die demographische Katastrophe ihres geburtenschwachen Landes testosterongestärkt abwenden wollen. Auch klassische Stoffe werden, wie »Eurydikes Schrei«, durch die Interpretation von einer der besten Theatergruppen aus der Türkei, in ein neues Licht getaucht und Ibsens »Nora« steht dank einer Neufassung aus Norwegen zeitgemäß als »Kaltes Produkt« dar.

Einen gesellschaftlichen Wandel thematisieren auch die Eigenproduktionen der beiden Gastgeber-Häuser: Misstrauisch beäugt wird die »Fremde im Haus« (Wiesbaden) und in »Verschwinden oder Die Nacht wird abgeschafft« und »Christmas« (unter der Regie von Matthias Fontheim) versuchen sich die Helden in Mainz neu zu positionieren. Ob Märchenhaft-Groteskes wie in der isländischen »Badstube« oder Aggressiv-Bedrohliches wie bei »Inoubliable«, einer virtuosen Vorstellung aus Griechenland über sinnlose Gewalt, die (Theater-)Welt scheint nach diesen Stücken aus den Fugen geraten zu sein und verlangt nach einer neuen Ordnung. Nicht ohne Grund wird das 1992 von Beilharz und Dorst ins Leben gerufene Festival von Theaterleuten auch als Kontaktbörse gehandelt, denn es dient vielen der hier auftretenden Künstler als Sprungbrett für eine internationale Karriere. So auch für Alvis Hermanis, der bereits 2004 auf dem Festival reüssierte und dieses Jahr mit poetischen und zugleich komischen Ansichten über die »Lettische Liebe« das Festivalpublikum begeistern will. Rund 10.000 Zuschauer und etwa 500 Fachleute werden für das elftägige Theatertreffen erwartet, das nicht nur mit fertigen Produktionen aufwartet, sondern auch ein Arbeits- und Werkstattfestival ist. So kann man im Forum junger Autoren Europas dem Nachwuchs beim Texten über die Schultern gucken; Hilfestellung gibt es dieses Jahr von Theresia Walser und Neil LaBute. Einen Schritt weiter geht es beim Treffen junger deutschsprachiger Autoren und Regisseure bei »Text trifft Regie« und die Veranstaltung »Angst! Hoffnung! Theater.« verspricht Einblicke in Europas Bühnenwelten.

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Mitmach-Theater


Das Gros der Veranstaltungen verteilt sich auf die Wiesbadener Bühnen. Bespielt werden nicht nur das Große und Kleine Haus des Staatstheaters inklusive Malersaal, Studio und Wartburg, sondern auch erstmalig das Museum Wiesbaden. Hier kann das Publikum mit »England« von Tim Crouch ein Stück Mitmach-Theater erleben. Lesungen, Symposien und Publikumsgespräche finden im Festivalzelt (im Park auf der Rückseite des Wiesbadener Staatstheaters) statt.

Rund ein Drittel der Inszenierungen finden in Mainz statt. Zusammen mit dem Land Rheinland Pfalz steuert das Staatstheater Mainz 200.000 € zum Festivalbudget von insgesamt 1,2 Millionen € bei. Mainzer Spielstätten sind das Große und das Kleine Haus des Staatstheaters, der TIC Werkraum und ein Container vor dem Kleinen Haus. Wegen der Mainzer Johannisnacht finden nach dem 18. Juni keine weiteren Vorstellungen auf der linken Rheinseite statt. Jeweils zur ersten und nach der letzten Vorstellung gibt es einen Busshuttle zwischen Mainz und Wiesbaden.


Garek

Spielplanübersicht, Infos zu einzelnen Stücken, Autoren und zum Kartenvorverkauf: www.neuestuecke.de