Heft 212 Mai 2008
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Mein Lieblingsbuch

Dr. Eva Hanebutt-Benz:

Call me Ismael


Das Buch Moby Dick von Herman Melville

Wenn die Direktorin des Gutenbergmuseums sich für die berühmte fiktive einsame Insel nur ein einziges Buch auswählen dürfte, wüsste sie genau, wofür sie sich entscheiden würde: für »Mobby Dick«.

»Für mich ist Herman Melvilles (1819-1891) Hauptwerk, erschienen 1851, der vielschichtigste, spannendste und zugleich tiefgehendste Roman, den ich kenne. Er begleitet mich, seit ich ihn zuerst mit 15 oder 16 Jahren, als Lektüre aus Vaters Bücherschrank, verschlang.

Allerdings ließ ich viele Passagen aus, da sich die Handlung wie ein Abenteuerroman liest, der aber immer wieder unterbrochen wird von Passagen, die langatmig und langweilig erscheinen mögen.

Die nicht sehr komplizierte und ziemlich geradlinige Geschichte erzählt von Kapitän Ahab, Chef eines Walfängers aus Massachusetts, dessen ganzes Leben und Handeln von einem Rachegedanken besetzt ist: Er trachtet dem weißen Pottwal, der ihm ein Bein abgerissen hat, auf einer nicht enden wollenden Jagd über die Weltmeere nach dem Leben.

In diese simple »Story« eingeflochten sind unendlich viele Passagen mit naturwissenschaftlichen Betrachtungen, über das Zusammenspiel der Mannschaft, häufig auch philosophische Betrachtungen. Lässt man sich auf diese weitschweifigen Exkurse ein, dann wird deutlich, dass das Buch durchsetzt ist von allegorischen und auf die Texte der Bibel bezogenen Anspielungen, die das ganze Werk zu einem Gleichnis machen, das weit über seine Handlung hinausweist. Man soll sich davon nicht abschrecken lassen, und mein guter Rat für Erstleser ist: notfalls einfach Seiten überschlagen und weiterlesen!

Melville besticht durch eine Präzision und Gewalt des Ausdrucks, die seinesgleichen sucht. Auch deshalb ist das Buch ein Genuss. Was aber den ersten und unmittelbaren Reiz ausmacht, das sind die farbigen Personen des Romans, denen vermutlich auch ein Großteil des Erfolgs bei der Verfilmung zu danken ist:

Ismael, der naive und gutgläubige Icherzähler des Buches, der tätowierte Harpunier Queequeg, ein »Wilder« aus Ozeanien, der indianische Walfänger Tashtego, Starbuck, der verantwortungsbewusste Erste Steuermann des Schiffs (Ja die amerikanische Kaffeehauskette wurde nach ihm benannt!), der kleine schwarze Pip, dessen Seele die Belastung der irren Verfolgungsjagd nicht übersteht, und schließlich der aufs tiefste verbitterte Kapitän Ahab.

Jedes Mal, wenn ich das Buch zur Hand nehme, verzaubert mich schon seine erste Zeile: »Call me Ismael« »Nennt mich Ismael«. Die folgenden ersten Seiten gehören zu den schönsten erzählerischen Leistungen der amerikanischen Literatur, man kann sie immer wieder lesen. »Moby Dick«: ein Abenteuerbuch, eine Enzyklopädie, ein Epos, eine Parabel, ein Buch über die Freundschaft und über die Segelschifffahrt ich kann es nur empfehlen.

Herman Melville: »Moby Dick«
oder Der Wal, Roman,
Artemis & Winkler, 01/2007,
Buch, 768 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag,
Preis: 49,90 €,
ISBN: 978-3-538-05447-9