Heft 210 März 2008
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Lesenswert

Peter Krawietz:

Mein Lieblingsbuch


Karlmann, Roman des Mainzer Stadtschreibers Michael Kleeberg

Als ich den neuen Roman des Mainzer Stadtschreibers Michael Kleeberg in den Weihnachtsferien las, fühlte ich mich auf Anhieb an die »stream–of-consciousness « – Technik erinnert, die wir als Studenten im Werk des irischen Altmeisters James Joyce studieren durften. Freilich erinnere ich mich nicht an Bewusstseinsströme, welche die Detailgenauigkeit aufweisen, mit der Charlys Verrichtungen typisch männlicher Aktivitäten beschrieben werden und die im SWR Literaturforum vor wenigen Wochen sehr guten Gesprächsstoff geliefert haben. Es ist in der Tat an- und aufregend, die Gedanken dieses deutschen Zeitgenossen zu verfolgen. Schon auf der fünften Seite des Buches finde ich eine Erklärung für Grundidee und Aufbau des Romans, nämlich die fünf Kapitel, in denen kurze Zeitabschnitte im Leben des »Antihelden« zwischen 1985 und 1989 geschildert werden: »Das Gedächtnis lebt von solchen Muschelstöcken epiphanischer Augenblicke, die ihm Schlüsselreize liefern, bei deren Nennung die an ihm festgewachsenen Cluster von Erinnerungen sich öffnen und ihre Bilder freigeben, wohingegen ganze Monate und Jahre, von denen nichts an so einem Pfahl hängt, auf immer verloren und gerade deswegen ohne Bedauern verloren sind.« Worum es geht, ist schnell gesagt. Die Geschichte beginnt mit Charlys Hochzeitstag, an dem Boris Becker zum ersten Mal Wimbledon gewinnt und Charly seine Braut betrügt. Ein Jahr später erleben wir ihn beim Ausüben des ungeliebten Berufs. Die dritte, nicht »jugendfreie« Szene beschreibt ihn bei einem weiteren Seitensprung. Es folgt ein Familienfest, wie es dem Leser, zumindest in Teilen, nicht unbekannt sein dürfte. Schließlich erleben wir das Ende der Ehe zwischen einer Frau, die im Beruf Erfüllung findet, und einem Mann, dem genau dies nicht gelingt. Die Frage, ob Schreiben nun Ausdruck der eigenen Persönlichkeit ist oder Flucht vor dem eigenen Ich, interessiert mich als Leser nicht, auch dann nicht, wenn es um – wie Kleeberg es selbst in einem Interview sagt – »die letzten Betriebsgeheimnisse der Männer« geht. Nach Beendigung der Lektüre konnte ich ohne weiteres der Ankündigung im Klappentext zustimmen: es gibt die Faszination des ganz normalen Lebens. Und als Historiker füge ich hinzu, dass dieser Roman ein treffender Ausdruck des Lebensgefühls der 1980er Jahre im noch geteilten Deutschland ist. Faszinieren kann das alles aber nur, weil Michael Kleeberg ein Meister seines Faches ist.


Peter Krawietz