Heft 210 März 2008
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Ausgerechnet

(über-) Leben mit dem Mindestlohn

Wer kann sich das leisten?

Mit dem Mindeslohn haushalten?

»Wer Vollzeit arbeitet, soll davon auch seinen Lebensunterhalt bestreiten können« Diesen Satz konnte man im Zuge der Mindestlohndebatte in den vergangenen Wochen des öfteren hören, allen voran von Neu-SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz. Doch reicht solch eine staatlich festgelegte Gehaltsuntergrenze tatsächlich aus, um all seine Rechnungen zahlen und darüber hinaus auch ein wenig seine Freizeit genießen zu können? Der MAINZER hat mit dem gerade erst für die Postbranche festgelegten Stundensatz ein bisschen herumexperimentiert. Heraus gekommen ist dabei ein Zahlenbeispiel, das weder den Anspruch hat, alle Eventualitäten berücksichtigt zu haben, noch repräsentativ zu sein. Realistisch aber ist es allemal und es sollte nachdenklich machen. Unser Test-Arbeitnehmer ist also ein Briefträger, der aufgerundet, weil es die Rechnerei leichter macht sogar 10 € die Stunde verdient. Bei acht Stunden pro Tag, fünf Tagen die Woche und durchschnittlich vier Wochen pro Monat macht das ein Brutto-Einkommen von 1600 €. Als Single, mit Wohnsitz in Mainz, gesetzlich krankenversichert und einer der christlichen Kirchen verbunden, bleiben unserem Postboten damit netto laut Internet- Gehaltsrechner knapp 1100 € übrig. Davon muss zuerst einmal ein Dach über dem Kopf bezahlt werden. Ein Blick in den Immobilienteil der Tageszeitung bringt unserem Probanden ein wohl kaum übertriebenes 1-Zimmer-Appartement mit Single-Küche und Bad ein. Das Ganze für 250 € Kaltmiete + 70 € Nebenkosten und 25 € Strom, macht einen Rest von 755 €. Dummerweise arbeitet unser Mann in Offenbach. Der erste Zug dorthin fährt laut www.bahn.de morgens um kurz nach halb fünf. Zu spät für einen Briefträger, es muss also das Auto sein. In unserem Fall ist das ein VW-Polo Diesel, neuestes Modell (die Finanzierung lassen wir dabei mal außer Acht) mit 70 PS (weniger geht nicht) und einem vom Werk aus vorgegebenen Durchschnittsverbrauch von 4,5 Litern/100 km. Bei einer einfachen Strecke von knapp 50 Kilometern (laut Routenplaner von Hauptbahnhof bis Hauptbahnhof) braucht der Polo damit rund 90 Liter Diesel. Bei einem Durchschnittspreis von derzeit knapp 1,20 € / l sind das im Monat 108 €. Dazu kommen anteilsmäßig noch Steuer und Versicherung (nur Haftpflicht, Beitragssatz dank mehr als zehn Jahre unfallfreiem Fahren 40 %) von etwa 40 €. Und dann gilt es natürlich noch eine Rücklage zu bilden für den Tag, an dem das Gefährt den Geist aufgibt. Bei einer Laufleistung von etwa 25.000 Kilometern pro Jahr (die ein oder andere Privatfahrt mit einkalkuliert) geben wir unserem Test- Fahrzeug eine Lebensdauer von zehn Jahren. Umgelegt auf den Kaufpreis von knapp 14.000 € muss unser Briefträger damit pro Monat rund 117 € beiseitelegen, um den Wertverlust aufzufangen. Wir packen noch 13 € drauf, um mögliche Reparaturen, TüV-Untersuchungen und nötige Ersatzteile mit abzudecken, sodass uns der Kleinwagen damit unterm Strich satte 278 € pro Monat kostet. Damit hat unsere Testperson nur noch 477 € in der Tasche, aber das Problem der Privatrente noch vor sich. Wir haben uns trotz der jüngst bekannt gewordenen Mängel für das Modell »Riester« entschieden, der staatlichen Zuschüsse wegen. In unserem Fall sind das immerhin 154 € im Jahr. Trotzdem wird pro Monat ein Beitrag von 52 € fällig (vorgeschriebene vier Prozent vom sozialversicherungspflichtigen Bruttojahresgehalt, minus Zuschuss, geteilt durch 12) und unserem Postboten bleiben nur noch 425 € übrig. Davon gehen dann noch einmal zehn Euro ab für die laut www.tarifvergleich.de günstigste Privathaftpflicht- und Hausratversicherung und die GEZ-Gebühren von knapp 18 €, sodass am Ende ein frei zur Verfügung stehendes Finanzpolster von 397 € steht. Auf den ersten Blick viel Geld. Allerdings hat unser Briefträger bis jetzt noch keinen Bissen gegessen und keinen Schluck getrunken. Von Klamotten, Hygieneartikeln oder einer Tageszeitung einmal ganz abgesehen. Setzen wir dafür nun den Hartz IV Satz für die sogenannten Regelleistungen eines Singles von 347 € an, bleiben ganze 50 € übrig. Pro Monat wohlgemerkt. Zum Vergleich: Ein Stehplatz bei einem Heimspiel der Zweitligafußballer von Mainz 05 kostet 17€, eine Kinokarte am Wochenende immerhin noch 8 €. Aber selbst wenn sich unser Test- Postbote diesen Luxus tatsächlich nur alle vier Wochen einmal gönnt und dabei sogar noch aufs Bierchen oder das Popcorn verzichtet leisten kann er sich selbst das eigentlich nicht. Warum? Nun, ein kaputter Kühlschrank, ein defekter Herd, eine neue Brille oder ein größeres Loch im Zahn ein bisschen was geht immer kaputt und muss irgendwie bezahlt werden. Fragt sich: Was soll eigentlich die Debatte über einen gesetzlichen Mindestlohn, wenn davon eh keiner leben kann?


Mario Bast