Heft 209 Februar 2008
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Sport

Nullfünfer

Wohin steuert der 1. FSV Mainz 05?

Nullfünfer

Während »Kaiser« Franz Beckenbauer in der kalten Jahreszeit immer wieder seinen Zeigefinger erhebt und in der sogenannten Winterpause eine der Hauptursachen für wechselhafte Vereinsleistung (zumindest bei seinem FC Bayern München) sieht, nutzen fast alle Profis die Tage zwischen dem 20. Adventskalendertürchen und dem Endspurt der 5. Jahreszeit und ziehen sich in wärmere Gefilde zurück um die Neueinkäufe zu integrieren und die Zahl der sie umschwärmenden Fans und Medienvertreter in kalkulierbaren Grenzen zu halten. Die Mainzer zog es zum Trainingslager nach Spanien. Im andalusischen Costa Ballena machte man sich für die Rückrunde in der 2. Bundesliga fit. Die Winterpause ist auch die Zeit, in der man sich in Fanclubs und an Stammtischen zusammensetzt und darüber diskutiert, wie groß die Aufstiegschance bzw. die Abstiegsgefahr des eigenen Teams ist, was falsch gemacht wurde und was unbedingt noch zu verbessern ist. Nicht so in Mainz! Es scheint, als wäre es den meisten schon völlig klar, dass die 05er in der nächsten Saison wieder in der 1. Bundesliga spielen – der 2. Platz vermittelt eine gewisse (trügerische?) Sicherheit. Man hat das überragende Heimspiel gegen den 1. FC Köln im Kopf - und nicht das letzte Spiel der Hinrunde: eine Niederlage beim FC St. Pauli, die den geplagten Zuschauern leider einmal mehr einige der immer wieder aufflackernden Schwächen der 05er allzu deutlich vor Augen führte. Doch die Optimisten können noch ein weiteres Argument ins Feld führen: die Mannschaft ist so gut besetzt wie nie zuvor. Wer es nicht glaubt: In der aktuellen Rangliste des Kicker-Sportmagazins fanden sich noch nie so viele Mainzer Spieler auf den vorderen Plätzen. Man hat sich nach dem Abstieg im letzten Jahr außerordentlich gut verstärkt – ein Risiko, das belohnt wurde. Im Januar gab es im Spielerbereich dann noch einmal zwei Veränderungen, die allen Grund zum Feiern gaben: Der Kauf von Felix Borja ging vorzeitig über die Bühne – er war bisher vom griechischen Club Olympiakos Piräus nur ausgeliehen – und ein neuer Stürmer wurde verpflichtet:

Isaac Boakye

Isaac Boakye Isaac Boakye wurde für 100.000 Euro bis zum Saisonende vom VfL Wolfsburg ausgeliehen – dann haben die Mainzer noch fünf Tage Zeit zu entscheiden, ob sie ihre Kaufoption für einen Drei-Jahres-Vertrag ziehen. Mit Felix Magath gab es zwar noch etwas ärger, aber nachdem er die Mainzer Pressevertreter am Rande eines Hallenturniers gehörig beschimpft hatte kam es zum endgültigen Vertragsabschluss. Anthony Yeboah, ehemaliger Bundesligaspieler und Cousin des Ex-Mainzers Mike Osei, hatte Isaac Boakye, den er als Spielerberater managte, vor etwa drei Jahren bereits einmal zu einem Probetraining an den Bruchweg gebracht. Jürgen Klopp soll, so hört man aus den viel zitierten gutunterrichteten Kreisen, von seiner Technik und seiner Antrittsschnelligkeit begeistert gewesen sein. Damals fehlte den Mainzern allerdings das notwendige Geld um das Talent an sich zu binden - und der Vorstand weigerte sich, DFL-Auflagen zu weit zu dehnen. Nicht so die Bielefelder: Sie griffen gleich zu – und übernahmen sich damit wirtschaftlich so stark, dass sie schon kurz darauf alle Profigehälter um 30 Prozent kürzen mussten. Mainz blieb seinem seriösen Kurs treu und verzichtete zunächst auf den heute 26-jährigen Ghanaer. 2008 war dann genug Geld in der Kasse.

Der FSV und die drei »???«

Die Fans des besten rheinland-pfälzischen Clubs diskutieren derweil über ganz andere Probleme, die für die Zukunft des Vereins von großer Bedeutung sind:

  • Wird Jürgen Klopp seinen im Sommer auslaufenden Vertrag verlängern?
  • Wird Manager Christian Heidel »seinen« Verein verlassen und das Angebot eines Konkurrenten annehmen und schließlich (einige können es schon nicht mehr hören):
  • Wo und Wann wird nun eigentlich das neue Stadion gebaut?

Jürgen & Jürgen

Kloppo In Sachen Jürgen Klopp fühlten sich manche Fans lange Zeit viel zu sicher: »Der Kloppo weiß, was er in Mainz hat!« (Wie auch die Mainzer wissen, was sie an ihrem »Fußballgott« haben!) Hamburg, Stuttgart München? Da brachte ihn zwar die Presse – vom Boulevardblatt bis zum Fachmagazin – immer wieder in die Diskussion; aber ist das nicht doch eine ganz andere Klasse: Champions League, Nationalspieler aus aller Herren Länder, zerstrittene Vorstände? Kann sich da der Kloppo durchsetzen? Da passt doch »unser Jürgen« gar nicht hin. Der gehört zu Mainz, wie Gutenberg, Fastnacht und der Dom. Die Ereignisse um den Trainerwechsel in München haben dann aber so manchem die Augen geöffnet und das Herz etwas tiefer rutschen lassen. Denn – auch das ist im Profifußball nicht selbstverständlich – Uli Hoeness und Jürgen Klopp haben in Interviews offen über zwei Telefonate gesprochen, die sie in dieser Zeit geführt haben. Es scheint, dass in der Endphase schon bald der Vorname des neuen Bayern-Trainers feststand: Jürgen. Die Verantwortlichen des Rekordmeisters schwankten schließlich nur noch zwischen dem Mainzer und Ex-Nationaltrainer Klinsmann. Ein Fakt, der das Selbstbewusstsein von Klopp sicherlich noch gesteigert hat und auch dem letzten klar Klinsi machen muss, dass der junge eigensinnige Mann, der als Spieler sich manche üblen Zurufe von gewissen »Fans« gefallen lassen musste, Karriere gemacht hat und nun zu den Top-Trainern des Landes zählt. Da er auch an seiner Medienpräsenz gearbeitet hat und als TV Co-Kommentator einen Günther Netzer jederzeit locker in die Tasche stecken kann, ist es nicht verwunderlich, dass er bei jeder Spekulation über das »Trainerkarussell« an vorderster Stelle genannt wird. Neuestes Szenario: Namenvetter Klinsmann hält es maximal ein bis zwei Jahre in München aus (mehr gibt ihm eigentlich kein Kommentator) und dann kommt Klopp an die Isar und sitzt in Lederhosen und Trachtenjankerl – man will es sich einfach nicht vorstellen – in der VIP-Loge der Bayern auf dem Oktoberfest und isst Weißwürste. Wer bis vor wenigen Tagen noch dachte, dass ein Duo Hoeness-Klopp undenkbar sei sieht sich nun eines Besseren belehrt. Im Medienzirkus Fußball ist alles möglich – und als »The Beast and the Beauty« wären die beiden sicherlich ein ebenso sehenswertes wie unschlagbares Team.

Wie ein Mainzer an den Mainzern verzweifelt

Christian Heidel Auch Christian Heidel hat den Lockruf der 1. Liga schon vernommen – und es gibt nicht wenige die sagen, dass sein Verlust den Verein noch wesentlich härter treffen würde als der Weggang des Cheftrainers. Nicht allen ist bewusst, was der Manager hinter den Kulissen so alles stemmen muss, damit »vorne« alles stimmt. Ihm liegt, wie er selbst in einem Interview bestätigte, ein Angebot vor, das ihm die Möglichkeit geben würde, in einer anderen Stadt große Dinge bewegen zu können. Etwas, was der 44-Jährige – der durch und durch ein »echter Mainzer« ist – sicherlich am liebsten in seiner Heimatstadt machen würde. Doch da sieht es, was die wirtschaftliche Zukunftsplanung angeht, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich chaotisch aus. Allen ist klar – Mainz kann in diesem Jahr einen großen, ja gewaltigen Schritt nach vorne machen – nicht nur in Sachen Aufstieg. Auch wirtschaftlich könnte man bald in einer höheren Liga spielen – wenn man 15.000 Zuschauerplätze und etliche VIP-Logen mehr hätte. Denn auch in der 2. Liga ließ die Nachfrage nach Karten, allen Unkenrufen zum Trotz, nicht nach. Mehr Geld bedeutet aber auch, dass der Kader (noch) besser besetzt werden kann und ein dauerhafter Verbleib in der Eliteklasse des deutschen Fußballs wahrscheinlicher werden würde. Vieles – nicht alles – lässt sich auf eine einfache Aussage reduzieren: Wenn das neue Stadion nicht kommt, sind Jürgen Klopp und Christian Heidel nicht länger zu halten – und, sind wir einmal ehrlich, wer könnte es ihnen wirklich verdenken?

Stadionneubau – ein selbstgestricktes Fiasko

Die einen sprechen von »Chaos« – die anderen gar von »Katastrophe«. Was sich in Sachen »Stadionneubau« im letzten halben Jahr getan hat ist fast unbeschreiblich. Und wenn man sich im Stadtrat gegenseitig vorwirft »amateurhaft« gehandelt zu haben, ist das schlichtweg eine Beleidigung aller Amateurvereine in der Stadt. Der Focus richtet sich nun auf fünf Landwirte in Gonsenheim, die für ihre strategisch wichtigen Schlüsselgrundstücke ca. das Fünffache dessen haben wollen, was etwa 100 ihrer Kollegen akzeptiert haben (35 €/mē). Das ist völlig unrealistisch und man kann aus heutiger Sicht wohl sagen, dass sie ihre Karten überreizt haben. Das Gelände jenseits der Saarstraße wird Ackerland bleiben und die Landwirte können sich wieder ihren wertvollen Sonderkulturen widmen, die dort bis heute niemand vermutet hat. Vereinspräsident Harald Strutz Das eigentliche Problem ist jedoch anderenorts zu suchen. Bei den Leuten, die vorschnell »grünes Licht« für den Standort Europakreisel gaben und vorsichtige Einwände, wie sie etwa von Christian Heidel kamen, schnell abtaten: Sollte jemand nicht verkaufen wollen, könne man ihn notfalls auch enteignen. Hier hatte jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht und viele andere in die Irre geführt. Der Spatenstich ist wieder in weite Ferne gerückt, die Kommunalpolitiker suchen nach einer Lösung und auch den geduldigsten Partnern platzt langsam der Kragen. Wer jetzt immer noch sein eigenes Süppchen kochen will muss sich darüber im Klaren sein, dass er nicht nur kontraproduktiv in Sachen »Stadionneubau« ist, sondern auch die mittelfristige Entwicklung des Vereins maßgeblich negativ beeinflusst. Vereinspräsident Harald Strutz hat es dieser Tage in einem Interview auf den Punkt gebracht: »Ich kämpfe für dieses Stadion. Und ich kämpfe um Klopp und Heidel.« Es wäre schön, wenn sich ihm alle Verantwortlichen in Wort und Tat anschließen würden.


Matthias Dietz-Lenssen