Heft 208 Januar 2008
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Gabriele Erlenwein, Leiterin der Goethe-Grundschule zur

»Realschule plus«


»Der Erfolg wird davon abhängig sein, ob tatsächlich integrativ gearbeitet wird. Wenn nach der zweijährigen Orientierungsstufe wieder die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen sortiert werden, wird keine Veränderung statt- finden. Gewünscht hätten sich viele eine umfassendere Reform, bei der alle SchülerInnen bis zu einem ersten Schulabschluss gemeinsam unterrichtet werden.«

Was bringt die Ganztags-Grundschule?


Die Ganztagsschule ist laut Gabriele Erlenwein eine wichtige Maßnahme, die »kompensatorischen Aufgaben« zu gewährleisten.

Die Goethe-Grundschule arbeitet im fünften Jahr als Ganztagsschule und hat am Ende des vergangenen Schuljahres erstmalig in einer Statistik erfasst, wie sich der Besuch der Ganztagsschule auf die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen auswirkt. Dabei habe sich gezeigt, dass deutlich mehr Ganztagskinder im Vergleich zu Halbtagskindern eine Realschulempfehlung bekommen haben. Von den etwa 300 Goethe-Grundschülern sind die Hälfte Ganztagsschüler.

Aufgrund größerer Flexibilität hat sich die Goethe-Grundschule für die additive Form der Ganztagsschule entschieden, das heißt es gibt keine reinen Ganztagsschulklassen, sondern die Ganztags- und Halbtagskinder werden gemeinsam unterrichtet. Während die Halbtagskinder um 12 bzw. 13 Uhr die Schule verlassen, essen die Ganztagskinder gemeinsam und erledigen nach einer entsprechenden Pause unter Aufsicht die Hausaufgaben. Danach besuchen die Kinder der zweiten bis vierten Klassen verschiedene Arbeitsgemeinschaften aus den Bereichen Musik, Sport, Kunst, Medienerziehung, Sozialerziehung etc. In diesem Bereich arbeiten sowohl LehrerInnen als auch freie MitarbeiterInnen und Institutionen wie der Deutsche Kinderschutzbund, Arbeit und Leben, Z@ck-Computer, das Peter-Cornelius-Konservatorium, das Institut für Bildung und Integration, die Landeszentrale für Medien und Kommunikation, aber auch regelmäßig ehrenamtliche Kräfte.

Damit aber die Kinder auch am Nachmittag eine personelle Kontinuität haben, wie sie sie vom Vormittag in der Person ihrer Klassenlehrerin kennen, wurden als feste Bezugspersonen pädagogische Fachkräfte eingestellt, die die Kinder vom Mittagessen an durch den Nachmittag begleiten.
                    SoS


Die Titelstory

Grundschule:

Gut gerüstet für alle erzieherischen Aufgaben?


Goethe-Grundschule
In einer Arbeitsgemeinschaft machen Dritt- und Viertklässler nachmittags unter Leitung der Lehrerin Dagmar Reik-Joos (li.) Fotogeschichten, Hörspiele und Videospiele selbst.
Auf dem Schulhof der Goethe-Grundschule in der Neustadt toben die Erst- bis Viertklässler. Gegenseitiges Schubsen, Rangeleien, Schienbeintritte und ähnliches gehören dazu. Aufgeschreckt durch den öffentlichkeitswirksamen Hinweis der Konrektorin in der benachbarten Goethe-Hauptschule über zunehmende Aggression und Gewalt in und vor der Hauptschule, stellt sich fast unwillkürlich die Frage, ob die Rangeleien der Kleinen nicht ein Schritt hin zu den handgreiflichen Auseinandersetzungen der Großen sind.

Gabriele Erlenwein beobachtet, dass »Verhaltensauffälligkeiten« bei den Grundschülern zunehmen. Allerdings, so stellt die Schulleiterin der Goethe-Grundschule im Gespräch mit dem MAINZER klar: »Nicht im Sinne von Aggression, sondern von Regel- und Grenzenlosigkeit.« Das bedeute beispielsweise, dass viele Kinder ein klares Nein nicht akzeptieren, weil sie im Umgang mit Erwachsenen erleben, dass diese irgendwann entnervt doch noch Ja sagen.

Muss Schule die Hausaufgaben der Eltern machen?


Daraus folgt für die 25 LehrerInnen, dass sie häufig grundlegende Erziehungsaufgaben mit übernehmen als Voraussetzung damit die Kinder lernen können. »Die Kinder werden mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, was Gruppenfähigkeit, Sozialverhalten, motorische und kognitive Fähigkeiten betrifft, eingeschult, in den einzelnen Klassen machen diese Entwicklungsunterschiede durchaus drei Jahre aus«, weiß Erlenwein. Ob grundlegende Erziehungsarbeit Aufgabe der Schule ist, beantwortet sie ganz pragmatisch: »Ich muss mich in meinem Schulalltag mit den Gegebenheiten auseinandersetzen und in jeder Klasse die Voraussetzungen schaffen, die Lernen ermöglichen.«

Den Anteil von Kindern aus so genannten sozial-schwachen Familien schätzt Erlenwein auf 70 bis 80 Prozent, die Kenntnisse der deutschen Sprache seien nicht nur unter den 70 Prozent Migrantenkindern, sondern teilweise auch bei den deutschen Kindern sehr unterschiedlich: »Sie reichen von einer sehr guten aktiven und passiven Beherrschung bis hin zu nur rudimentären Kenntnissen von Grammatik und Wortschatz.«

Goethe-Grundschule
Gabriele Erlenwein, Schulleiterin der Goethe-Grundschule
Gute Erfahrungen mache die Schule mit der Sprachförderung, die bei Bedarf bereits in den Kindertagesstätten stattfinde. Allerdings, so Erlenwein: »Wir wissen, dass häufig gerade die Kinder, die es am notwendigsten hätten, den Kindergarten nur unregelmäßig besuchen und nicht kontinuierlich an diesen Maßnahmen teilnehmen.«

Eine weitere Aufgabenstellung für die Schule ergibt sich aus den häuslichen Problemen, die Kinder mit sich herumschleppen und ihre Lernfähigkeit beeinträchtigt. In Elternabenden und vor allem in Einzelgesprächen mit den Eltern versuchen LehrerInnen die Problematik zu entschlüsseln und zu helfen. Dabei gebe es Eltern, die sich verweigern und keinerlei Hilfsangebote annehmen, das sei aber die Ausnahme, stellt Erlenwein klar: »Die meisten Eltern sind froh, wenn sie Unterstützung bekommen und auch bereit, im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitzuarbeiten.«

Belastungen der LehrerInnen


Dass aus diesen vielen Aufgaben zusätzliche Belastungen für die LehrerInnen entstehen, bestätigt die Schulleiterin: »Das Kerngeschäft von Schule ist natürlich der Unterricht, und je nach Wohngebiet und Schülerschaft beschränken sich die Aufgaben der Einzelschule mehr oder weniger darauf. Eine Schule wie die unsere muss bereits bei dieser ‚Kernaufgabe’ andere Maßstäbe zugrunde legen, als eine Schule in einem eher bürgerlichen Stadtteil. Wir haben vielfältige kompensatorische Aufgaben im Bereich der Sozialerziehung, der Sprachförderung, der Ernährungs- und Gesundheitserziehung, der Freizeitgestaltung und vieles mehr.«

Stellt sich die Frage: Ist die Goethe-Grundschule für derlei Aufgaben gerüstet? »Bedingt durch den hohen Anteil an Migrantenkindern haben wir eine erhöhte Lehrerzuweisung, so dass die Klassenstärke bei ungefähr 20 Kindern liegt«, sagt Erlenwein. Unterstützung erhalten die LehrerInnen durch eine Sonderpädagogin, die mit den Kindern arbeitet, die einer besonderen Förderung bedürfen, damit sie nicht an eine Förderschule umgeschult werden müssen. Außerdem arbeite ein türkischer Lehrer an der Schule, der die Kinder in ihrer Muttersprache unterrichte: »Dies ist umso wichtiger, als nur Kinder, die ihre Muttersprache gut beherrschen, auch in einer zweiten oder gar dritten Sprache erfolgreich sein können.«

Eine enge Zusammenarbeit besteht auch mit dem Jugendamt, vor allem über das so genannte Schulinterventionsprogramm (SchiP): »Durch dieses Kooperationsprojekt zwischen unserer Schule, dem Jugendamt der Stadt Mainz und dem Deutschen Kinderschutzbund arbeiten eine Schulpsychologin und zwei Sozialpädagoginnen an unserer Schule und unterstützen in Form von Einzel- und Kleingruppenmaßnahmen Kinder umfänglich bei der Bewältigung ihrer schulischen Aufgaben. Wichtige Voraussetzung ist dabei auch die intensive Zusammenarbeit mit den Eltern.«

Vielfältige Unterstützung die nicht ausreicht!


Der personelle Aufwand, um all diesen »kompensatorischen Aufgaben« gerecht werden zu können und dabei noch zu unterrichten, sei hoch, stellt Erlenwein klar und wünscht sich mehr Unterstützung: »Eine wichtige Hilfe wären sicherlich Assisistenzkräfte, wie wir sie aus unseren COMENIUS-Partnerschulen in England kennen. Wir erleben das zurzeit mit einem jungen Mann, der bei uns ein ‘Freiwilliges Soziales Jahr’ absolviert allerdings ist eine Person für 16 Klassen natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein!«

Erlenwein plädiert auch dafür, dass verstärkt andere Professionen an den Schulen arbeiten und in die Kollegien integriert sind. Dazu gehörten in erster Linie Berufsgruppen wie Sozialarbeiter, Logopäden und Ergotherapeuten: »Wir wissen mittlerweile, wie wichtig es für den Erfolg von Fördermaßnahmen ist, dass sie nicht isoliert nebeneinander her stattfinden, sondern dass sie dort verortet sind, wo sie gebraucht werden.«

SoS