Heft 208 Januar 2008
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Olympia

Olympische Werte aus Sicht des Forschers

Fair und ehrlich die Einen, dumm die Anderen?


Prof. Norbert Müller
Prof. Norbert Müller
Das kleine Büro ist voll gestopft mit Büchern, Filmen und Bildbänden über die Olympischen Spiele. Sachen, die sich halt einfach innerhalb von 30 Jahren Lehrtätigkeit bei Professor Norbert Müller angesammelt haben. Sein Fachgebiet an der Mainzer Universität ist die Geschichte und Idee der Olympischen Spiele. Doch wie kommt man auf die Idee die olympischen Werte zu erforschen?

Eine Leidenschaft für Sport hatte Norbert Müller als begeisterter Leichtathlet schon immer. Er war in der Nachwuchsmannschaft, die für Olympia 1968 trainiert wurde. «Ich war aber nie gut genug. Ich habe es zwar unter die besten Junioren im Hochsprung geschafft, aber das war es auch schon«, so Müller.

Wenn es schon nicht mit der Praxis klappt, dann wenigstens mit der Theorie. Während seines Studiums schrieb er sich für ein Proseminar ein, das sich mit der Geschichte der Olympischen Spiele beschäftigte. Das Schicksal nahm seinen Lauf, denn Norbert Müller hatte von diesem Augenblick an seine Berufung gefunden.

«Ich habe mich dann auch während meines Studiums dafür beworben, die internationale Olympische Akademie in Griechenland zu besuchen. Ich hatte Glück, denn ich wurde ausgesucht und durfte dort Umfragen zum Thema Olympia machen. Diese Umfragen waren dann Basis meiner Diplomarbeit, die ich Ende der Sechziger fertig gestellt hatte.« Die spätere Doktorarbeit beschrieb, was genau olympische Werte sind und wie sie umgesetzt werden können. Unter olympischen Werten versteht Müller Völkerverständnis, Solidarität (Nord-Süddialog) und allem voran Fairplay. »Leider haben wir heute in vielen Sportarten die Situation, dass der Mensch wie eine Maschine behandelt wird.«

Viel Geld und andere Interessen


»Der heutige Spitzensportler definiert sich allein über die Leistung. Die muss immer stimmen und das ist unverantwortlich. Als Sportler sollte nicht nur der Körper fit sein, sondern auch der Geist und die Seele.« Doch welche Sportarten sind »fair«? »Meist findet man die olympischen Tugenden in den Sportarten, die wenig gesponsert werden, wie zum Beispiel Rudern, Fechten, Kanu fahren oder im modernen Fünfkampf.

Im Fußball und im Radsport hingegen stecken zu viel Geld und fremde Interessen. Da wird der Sport zum Geschäft«, meint Müller. Doch auch in den «großen« Sportarten gibt es durchaus faire Szenen. Fußballspieler Miroslav Klose zum Beispiel. Dieser machte den Schiedsrichter darauf aufmerksam, dass der Ball doch nicht drin gewesen war. Fair und ehrlich denken die einen, dumm die anderen.

»Anhand solcher Szenen merken wir, dass das Elternhaus und die dortige Werteerziehung eine große Rolle in der Entwicklung spielen. Klose sagt von sich selbst, dass er sich christlich gebunden fühle.«

Norbert Müller gestaltet seine Vorlesungen praxisnah: Wann immer er zu Olympischen Spielen oder zu einem anderen sportlichen Großereignis fährt, nimmt er Studenten mit. Auch nach Griechenland begleiten ihn Studenten, um Vorlesungen in den antiken Stätten zu hören. »Das Lernen wird so nachhaltiger und schöner. Man verbindet den Stoff dann mit Orten oder Erlebnissen. Außerdem hat es eine ganz besondere Atmosphäre, wenn man in griechischen Ruinen ein Seminar abhält.« Erst vor kurzem waren seine Studenten in Peking und befragten 650 Menschen zu ihrem Sportverständnis und ihren Wertevorstellungen.

Dabei sein ist alles?


Obwohl China immer in dem Verdacht stand, viele gedopte Athleten zu haben, ist Professor Müller zuversichtlich: »Ich denke, dass die Spiele in Peking genauso fair werden wie die letzten von Sydney und Athen. Der Großteil der Athleten wird ungedopt antreten. Jedoch ist der Druck, dass man der Beste sein will und gewinnen muss, leider immer da. In China aber besonders. Das Prinzip ‚Dabei sein ist alles’ geht leider verloren. Deswegen wird es wohl auch in Peking einige Fälle von Doping geben.«

Olympia-Logo Ein Höhepunkt in Norbert Müllers Karriere dürfte wohl das Treffen mit Nelson Mandela gewesen sein. Norbert Müller durfte diesem 1997 den »Fairplay-Preis« überreichen. Doch was hat Nelson Mandela mit Sport zu tun? Dieser hatte in seiner Biographie geschrieben, dass seine Mutter ihn zum Sport gebracht hatte. Das Fußballspielen und das Boxen hätten dann seine Wertvorstellungen und sein Verständnis von Fairness geprägt.

1972 war es dann soweit: Norbert Müller war Protokollchef im Olympischen Dorf von München ein Erlebnis, was den 60-Jährigen sehr geprägt hat. Seitdem hat er keine Olympischen Spiele verpasst, war immer mit Studenten vor Ort.

Doch nicht nur die Olympischen Spiele sind die Leidenschaft von Professor Müller. Auch der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, hat es ihm angetan. Norbert Müller ist Präsident des Internationalen Pierre de Coubertin Komitees. »Momentan gebe ich Coubertins Schriften in Chinesisch heraus. Außerdem haben das Komitee und das Deutsche Sport- und Olympia-Museum in Köln eine Ausstellung über Pierre de Coubertin und die Künste initiiert, die noch bis zum 3. Februar 2008 zu sehen ist«, so Müller.

Info: www.sportmuseum.info

Vanessa Bast